--- id: lb-ent-05 batch: 2 title: "Entgelt - Verjährung und Verfall" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Entgelt: Anspruch & Abrechnung" topic: entgelt author: "Thöny-Maier" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_entgelt_verjahrung_und_verfall.pdf" text: ".lexis360/md/entgelt_verjahrung_und_verfall.md" legal_bases: ["ABGB § 1486 Z 5", "ABGB § 1478", "ABGB § 1497", "ABGB § 1501", "ABGB § 1502", "ABGB § 1162d", "ABGB § 1154b Abs 7", "AngG § 34", "AngG § 7 Abs 3", "AngG § 9a", "DHG § 6", "MSchG § 15f Abs 1a", "VKG § 7d", "UrlG § 18a", "AVRAG § 16a", "AVRAG § 2f", "ASGG § 54"] tags: [verjahrung, verfall, ausschlussfristen, lohnabrechnung, karenzhemmung] cross_refs: ["lb-ent-01", "lb-ent-04", "lb-ent-07", "lb-ent-09"] --- # Entgelt – Verjährung und Verfall *Lexis Briefings Personalrecht, Thöny-Maier, Stand Juli 2026 (lb-ent-05).* ## Zusammenfassung - **Verjährung** (§ 1486 Z 5 ABGB): Das Klagerecht geht verloren, die Schuld bleibt aufrecht und kann gültig erfüllt werden; bereits Geleistetes ist nicht rückforderbar. Gesetzliche Frist für arbeitsrechtliche Ansprüche grundsätzlich **3 Jahre**, für den Anspruch auf das **Dienstzeugnis 30 Jahre**. - **Verfall** (Fall-/Ausschluss-/Präklusivfrist): Der Anspruch untergeht **dem Grunde nach**; bereits gezahlter verfallener Anspruch wäre Nichtschuld und rückforderbar (außer bei Zahlung in Wissen des Verfalls). Verfallsfristen sehen KV, Betriebsvereinbarungen, Dienstverträge und Gesetz vor. - Verjährung/Verfall werden **nur auf Einwendung** der Parteien geprüft (§ 1501 ABGB); Ausnahme: Insolvenz-Entgelt (von Amts wegen). - **Verfallsfristen laufen erst ab ordnungsgemäßer Lohnabrechnung** (§ 2f AVRAG); die Rechtsprechung verlangt für den Verfalleinwand erkennbare **Geltendmachung und Konkretisierung** (Art und Höhe) der Ansprüche. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Frist | Detail | |---|---| | Gesetzliche Verjährung | **3 Jahre** ab Möglichkeit der Ausübung, idR ab **Fälligkeit** (§ 1478 zweiter Satz ABGB); subjektive Unkenntnis schiebt den Beginn nicht hinaus | | Ausnahme Verjährung | Anspruch auf **Dienstzeugnis: 30 Jahre** | | Umfang der 3-Jahres-Frist | sämtliche Entgeltansprüche (offener Lohn/Gehalt, Abfertigung, Urlaubsersatzleistung, Überstunden, Sonderzahlungen, Provisionen, Gewinnbeteiligungen) und Aufwandersatz (zB Reisekosten); auch Arbeitgeberansprüche (zB Rückforderung von Vorschüssen, irrtümlich geleistete Entgelte) | | Unterbrechung | § 1497 ABGB: bei Anerkennung oder gehörig fortgesetzter Klage; Frist beginnt danach **neu** zu laufen | | Hemmung (Beispiel) | Feststellungsbegehren § 54 Abs 1 und 2 ASGG: **3 Monate** Leistungsklagefrist nach Ende des Feststellungsverfahrens (keine Unterbrechung) | | Karenz-/Freistellungshemmung | Ablauf gehemmmt bis **2 Wochen nach Ende** der Karenz/Dienstfreistellung; Normen: § 15f Abs 1a MSchG, § 7d VKG (Elternkarenz), § 18a UrlG (Pflegefreistellung), § 9a AngG / § 1154b Abs 7 ABGB (Krankheit/Unfall naher Angehöriger), § 16a AVRAG (Begleitung schwersterkrankter Kinder, Pflege-/Hospizkarenz) | | Gesetzliche Verfallsfristen | § 1162d ABGB, § 34 AngG: **6 Monate** gerichtliche Geltendmachung (ungerechtfertigte Entlassung, gerechtfertigter Austritt/Kündigungsentschädigung) · § 7 Abs 3 AngG: AG-Ansprüche bei Konkurrenzverbotverstoß **3 Monate** ab Kenntnis, jedenfalls **5 Jahre** ab Geschäftsabschluss · § 6 DHG: **6 Monate** | | KV-Verfallsfristen | üblich **3–6 Monate**; außergerichtliche Geltendmachung idR ausreichend, gerichtliche nur wenn ausdrücklich vorgeschrieben | | Mindestdauer | nicht gesetzlich geregelt; Rechtsprechung: **3 Monate** nicht sittenwidrig, **2 Monate** für Überstundenentgelt unbedenklich (mit Stundenaufzeichnungen; nicht für Überstunden über eine Pauschale hinaus), **6 Wochen/1 Monat** zu kurz | | Obergrenze | vereinbarte Verfallsfrist darf weder gesetzliche (zB § 34 AngG) noch kv-Fristen verkürzen | | Verlängerung/Verkürzung Verjährung | § 1502 ABGB: kein Verzicht im Voraus, keine längere Frist als gesetzlich; **kürzere** Verjährungsfrist zulässig | | Verkürzung zwingender Ansprüche | OGH (stRsp): kürzere Verfallsfristen auch für **Abfertigung Alt** zulässig — in der Literatur überwiegend **abgelehnt** (str.) | ## Rechtsgrundlagen - **ABGB:** §§ 1478, 1486 Z 5, 1497, 1501, 1502, 1162d, 1154b Abs 7; **AngG:** §§ 34, 7 Abs 3, 9a; **DHG** § 6; **MSchG** § 15f Abs 1a; **VKG** § 7d; **UrlG** § 18a; **AVRAG** §§ 16a, 2f; **ASGG** § 54. - **§ 2f AVRAG** (ordnungsgemäße Lohnabrechnung): schriftlich, übersichtlich, nachvollziehbar, vollständig, bei Fälligkeit zu übermitteln; OGH: die **formelle Vollständigkeit** der Abrechnung ist entscheidend (9 ObA 36/21s) — ohne ordnungsgemäße Abrechnung beginnt die Verfallsfrist nicht zu laufen. - Beispiel für differenzierte kv-Fristen: **Rahmen-KV für Handelsangestellte 2017** — 1 Jahr (Einstufungsunstimmigkeiten), 3 Monate (Reisekosten), differenziertes Regime bei höherer Leistung gegenüber Arbeitszeitaufzeichnung, 6 Monate Auffangfrist. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Korrekturabrechnungen:** Nachzahlungen und Rückforderungen sind an Verjährung (3 Jahre) und Verfall gebunden; Alter von Forderungen im Korrektur-Slip-Workflow als Prüfschritt vorsehen (→ lb-ent-07 für Überzahlungsfälle). - **KV-Verfallsklauseln als Daten:** Die je Kollektivvertrag unterschiedlichen Verfallsfristen (→ lb-ent-09) gehören als Metadaten ins KV-Framework, damit Anspruchsdatensätze fristbewusst behandelt werden können. - **Karenzhemmung:** Bei Karenz-/Freistellungsphasen (Work Entries) läuft der Fristenlauf teilweise gehemmt — Fristberechnungen dürfen nicht blind auf Kalendertage setzen. - **Abrechnungspflicht:** § 2f AVRAG definiert die Anforderungen an das Payslip-Reporting (Nachvollziehbarkeit, Vollständigkeit) — der Odoo-Lohnzettel erfüllt sie nur mit korrekt aufgelösten Regeln und Werten (Abzüge, Zweckwidmung erkennbar). - **Geltendmachung:** Anspruchsverfolgung braucht Konkretisierung nach Art und Höhe — Datenbasis (Zeit-/Bezugsdaten je Periode) muss im System abfragbar bleiben. ## Verweise - **KB-intern:** lb-ent-01 (Abrechnungsperiode, Fälligkeit) · lb-ent-04 (gesetzliche Fälligkeit des Entgelts) · lb-ent-07 (Rückforderung irrtümlicher Überzahlungen — Rückforderungsansprüche unterliegen *nicht* den kv-Verfallsfristen) · lb-ent-09 (kollektivvertragliche Rahmen, Verfallsklauseln) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md`.