--- id: lb-lsd-12 batch: 4 title: "Unterentlohnung - das tatsächlich gezahlte Entgelt" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Entgelt: Anspruch & Abrechnung" topic: lohndumping author: "Burger" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_unterentlohnung_das_tatsachlich_gezahlte_entgelt.pdf" text: ".lexis360/md/unterentlohnung_das_tatsachlich_gezahlte_entgelt.md" legal_bases: ["LSD-BG § 29 Abs 1", "ASVG § 49 Abs 3", "AngG § 15", "DHG § 7"] tags: [lohndumping, lsd-bg, ist-entgelt, soll-ist-vergleich, faelligkeit, sachbezuege] cross_refs: ["lb-lsd-02", "lb-lsd-07", "lb-lsd-09", "lb-lsd-11", "lb-lsd-13", "lb-ent-08", "lb-ent-10"] --- # Unterentlohnung – das tatsächlich gezahlte Entgelt *Lexis Briefings Personalrecht, Burger, Stand Juli 2026 (lb-lsd-12).* ## Zusammenfassung - **Ist-Seite des Soll-Ist-Vergleichs:** Vergleichbar sind nur Entgeltzahlungen, die mit dem geschützten Mindestentgelt **sachlich und zeitlich kongruent** sind. § 29 Abs 1 Satz 8 LSD-BG rechnet Entgeltzahlungen, die das gebührende Entgelt übersteigen, auf allfällige Unterentlohnungen **im jeweiligen Lohnzahlungszeitraum** (idR Kalendermonat) an. - **Sachliche Kongruenz:** Vom weiten Entgeltbegriff auszugehen ist; **echte Aufwandsentschädigungen** (zB Taggelder) sind nicht anrechenbar — zahlt der Arbeitgeber € 3.000 „inklusive" € 150 Taggeld, liegt nur Entgelt iHv € 2.850 vor und damit eine strafbare Unterentlohnung (nicht umgekehrt: offene Taggelder sind nicht geschützt). Anrechenbar ist nur **tatsächlich zugeflossenes** Entgelt; eine **berechtigte Aufrechnung** (zB Kostenbeitrag für Privatnutzung des Firmen-Pkw) gilt als Zufluss, eine unberechtigte (zB trotz Widerspruch nach § 7 DHG) nicht. - **Brutto-Maßstab:** Das geschützte Mindestentgelt ist ein **Bruttoentgelt** — zugeflossene **Nettozahlungen sind hochzurechnen**; Abrechnungsfehler zulasten des Arbeitgebers (zB Abrechnung nach dem falschen — hier: zu ungünstigen ausländischen — Steuerregime mit zu niedrigem Netto) können Unterentlohnung begründen. - **Rechtsgrund egal:** Auch freiwillige oder rein faktische Zahlungen sind anrechenbar („die Entgeltzahlung hat kein Mascherl") — zahlt der Arbeitgeber das vereinbarte Entgelt und ignoriert geleistete Überstunden (Beispiel: Anspruch gesamt € 3.443,06, Mindestanspruch € 3.130,06, gezahlt € 3.300), liegt **keine** Unterentlohnung vor. - **Zwei Ausnahmen mit „Mascherl"** (nicht anrechenbar): (1) Entgeltbestandteile nach **§ 49 Abs 3 ASVG**, soweit sie nach Gesetz/VO/KV gebühren (Beispiel kv-Schmutzzulage: als solche nicht Teil des Mindestentgelts; arbeitsvertraglich vereinbart ist sie hingegen als Überzahlung anrechenbar); (2) **Sachbezüge** — das Mindestentgelt ist zwingend in Bar-/Giralgeld zu leisten; nur wenn der KV die Begleichung durch Sachbezüge selbst zulässt, sind sie anrechenbar. - **Zeitliche Kongruenz:** Solange das Mindestentgelt **nicht fällig** ist, kann keine Unterentlohnung vorliegen (EuGH Čepelnik). § 15 AngG erlaubt Fälligkeit des Angestelltengehalts erst zum Monatsultimo; einzelne Bestandteile (zB Überstundenentgelt, Arbeiterlohn) dürfen — wenn KV-konform — erst im Folgemonat fällig werden; strafbar wird die Unterzahlung erst, wenn auch der **letzte Teil** des Mindestentgelts fällig und nicht gezahlt ist. Bei **Pauschalentgelt/All-in** ist eine Unterdeckung erst nach Ablauf eines **Beobachtungszeitraums** (mangels Vereinbarung: ein Jahr) feststellbar, die Nachzahlung erst dann fällig — Ausnahme bei vorher eindeutig erkennbarer Unterdeckung. Fälligkeit rein vertraglicher Mehrbestandteile (zB Gewinnprämie am 30. 6.) verschiebt die Prüfung des monatlichen Mindestentgelts nicht. - **Spätere freiwillige Überzahlungen** verhindern das Entstehen der Strafbarkeit nicht (auch nicht mit Anrechnungsvereinbarung) — sie **heilen** aber rückwirkend als tätige Reue (→ lb-lsd-09). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Lohnzahlungszeitraum | idR der **Kalendermonat** — Anrechnung übersteigender Zahlungen je Periode (Stand 2026-07) | | Fälligkeitsregel Angestellte | spätestens am Schluss des Kalendermonats vereinbarbar (§ 15 AngG); Teile (ÜSt-Entgelt, Arbeiterlohn) dürfen später fällig sein (Stand 2026-07) | | Beobachtungszeitraum Pauschale | mangels abweichender Vereinbarung **1 Jahr** (Nachzahlung bis zu 11 Monate später fällig; früher bei eindeutig erkennbarer Unterdeckung) (Stand 2026-07) | | Aufwandsersatz-Beispiel | € 3.000 Zahlung inkl. € 150 Taggeld → anrechenbares Entgelt nur **€ 2.850** (Stand 2026-07) | | ÜSt-Beispiel | gezahlt € 3.300 ≥ geschütztes Mindestentgelt **€ 3.130,06** (€ 3.000 + 5 ÜSt € 3.000/173 × 1,5) → keine Unterentlohnung trotz ignoriertes Ist-ÜSt-Entgelt (Stand 2026-07) | | Sachbezüge | grundsätzlich nicht anrechenbar (Bar-/Giralgeld-Zwang), außer der KV lässt Sachbezüge ausdrücklich zu | ## Rechtsgrundlagen - **§ 29 Abs 1 LSD-BG** (Satz 1 Tatbestand, Satz 8 Anrechnung je Lohnzahlungszeitraum), **§ 49 Abs 3 ASVG** (nicht anrechenbare Entgeltbestandteile, soweit kv-/gesetzlich gebühren), **§ 15 AngG** (Fälligkeit des Gehalts), **§ 7 DHG** (Widerspruch gegen Aufrechnung von Schadenersatzansprüchen). - EuGH C-33/17 *Čepelnik* (Fälligkeit als Prüfpunkt) und OGH-Judikatur zu Mahlzeit-/Verkehrskosten und Sachbezügen im Quelltext mit Fundstellen. ✅ §-Zitate ausdrücklich genannt. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Brutto-Soll-Ist je Lohnzahlungszeitraum** direkt aus dem Payslip ableitbar: Summe der Entgelt-Gutschriften je Periode, korrigiert um nicht anrechenbare Komponenten — die **Entgeltarten-Klassifizierung** (echter Aufwandsersatz / § 49-Abs-3-ASVG / Sachbezug / Bar-Entgelt) wird damit zum Schlüsselattribut des KV-Frameworks und der Abrechnung. - **Fälligkeit vs. Zahlung trennen:** Der Abgleich braucht das Fälligkeitsdatum des Mindestentgelts (per 1. des Folgemonats bzw. vereinbarte spätere Teile) unabhängig vom tatsächlichen Zahlungsdatum; Zahlungstermine (zB Banküberweisung am 5.) sind gesondert zu führen (vgl. Fehlerliste in lb-lsd-13). - **All-in/Pauschalen:** Jahres-Deckungsprüfung nach Ablauf des Beobachtungszeitraums als periodenübergreifender Report (Default 1 Jahr, konfigurierbar). - **Netto-Hochrechnung:** Bei Netto-Zahlungen (zB ausländisches Steuerregime) ist auf Brutto hochzurechnen — nur als Hinweis für Grenzfälle der Entsendeabrechnung. - **Periodenübergreifende Anrechnung** von Überzahlungen ist zugleich die Mechanik der tätigen Reue (→ lb-lsd-09): ein Abgleichsmodell mit Vortragssaldo deckt beide. ## Verweise - **KB-intern:** lb-lsd-02 (Einführung) · lb-lsd-07 (Prüfungsschema) · lb-lsd-09 (tätige Reue; Überzahlung = Nachzahlung) · lb-lsd-11 (geschütztes Mindestentgelt — Soll-Seite) · lb-lsd-13 (Soll-Ist & Sonderzahlungen; Fehlerquellenliste) · lb-ent-08 (Istlohnklauseln — Ist- vs. Mindestentgelt-Abgrenzung) · lb-ent-10 (Lohn & Gehalt) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Fälligkeits- und Entgeltbegriffs-Grundlagen General-AT). - *Hinweis:* Eine Fußnote im Quelltext enthält widersprüchliche Beispielzahlen (€ 2.200/€ 2.000 statt € 3.300/€ 3.000) — Export- Artefakt, nicht rekonstruiert; die Beispiele im Haupttext sind rechnerisch stimmig.