--- id: lb-brt-27 batch: 8 title: "Kündigungsanfechtung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Betriebsrat & Betriebsvereinbarungen" topic: betriebsrat author: "Sabara" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_kundigungsanfechtung.pdf" text: ".lexis360/md/kundigungsanfechtung.md" legal_bases: ["ArbVG § 105 Abs 3 Z 1", "ArbVG § 105 Abs 3 Z 2", "ArbVG § 105 Abs 3c", "ArbVG § 105 Abs 4", "ArbVG § 105 Abs 4a", "ArbVG § 36 Abs 1", "ArbVG § 36 Abs 2", "ArbVG § 107"] tags: [kundigungsanfechtung, motivkundigung, sozialwidrigkeit, anfechtungsfristen, sozialvergleich, sperrrecht, betriebsrat] cross_refs: ["lb-bnd-38", "lb-bnd-43", "lb-bnd-44", "lb-brt-31", "lb-brt-34"] --- # Kündigungsanfechtung *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara, Stand Juli 2026 (lb-brt-27).* ## Zusammenfassung - **Anfechtungsgründe:** Eine rechtswirksame Kündigung kann angefochten werden, wenn sie aus einem **verpönten Motiv** erfolgt ist (§ 105 Abs 3 Z 1 ArbVG) oder **sozial ungerechtfertigt** ist und der gekündigte Arbeitnehmer bereits **sechs Monate** im Betrieb oder Unternehmen beschäftigt ist (§ 105 Abs 3 Z 2 ArbVG). - **Wartezeit:** In die **6-monatige Wartezeit** zählen nur Zeiten, in denen der Arbeitnehmer als Arbeitnehmer iSd **§ 36 Abs 1 ArbVG** beschäftigt war; für vertretungsbefugte Organmitglieder und leitende Angestellte iSd **§ 36 Abs 2 ArbVG** beginnt die Wartezeit mit dem Wegfall der Ausnahmestellung **neu** zu laufen. - **Klageart:** Die Anfechtungsklage ist eine **rechtsgestaltende Klage** auf rückwirkende Unwirksamerklärung der Kündigung mit dem Ziel der **Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses**; Kläger sind der Betriebsrat bzw der Arbeitnehmer, Beklagter der Betriebsinhaber. Anfechtbar ist nur eine **rechtswirksame** Kündigung (Vorverfahren eingehalten, Betriebsrat zeitgerecht verständigt, einwöchige Stellungnahmefrist abgewartet, Kündigungsfristen/-termine eingehalten). - **Wirkungsdynamik:** Die Klage wirkt vorerst **nicht** auf das Arbeitsverhältnis — es endet mit dem Kündigungstermin und ist **endabzurechnen**. Bei Erfolg lebt es wieder auf: **Entgeltnachzahlung** mit Anrechnung dessen, was der Arbeitnehmer zwischenzeitlich verdient hat oder absichtlich zu verdienen versäumt hat (Anrechnung des Alternativeinkommens nur bei **zumutbarer** Ersatzbeschäftigung); Fälligkeit im Regelfall mit **Rechtskraft** des stattgebenden Urteils. Bei Misserfolg bleibt es bei der Kündigung. - **Stellungnahme steuert die Anfechtungsbefugnis** (Widerspruch, Zustimmung, keine Stellungnahme — wer, in welcher Frist, aus welchen Gründen): - **Widerspruch:** Der Betriebsrat kann binnen **einer Woche** nach Verständigung vom Ausspruch anfechten, allerdings **nur über Verlangen des Arbeitnehmers** (Verlangen muss nicht formell sein, aus Verhalten erkennbar; bloßer Wunsch nach Gründen genügt nicht). Kommt er dem Verlangen nicht nach, kann der Arbeitnehmer innerhalb **weiterer zwei Wochen** selbst anfechten — insgesamt **21 Tage** ab Ausspruch. Gründe: **Motiv und Sozialwidrigkeit**; **Sozialvergleich möglich**. - **Keine Stellungnahme** (auch unklare Formulierung): der Arbeitnehmer kann binnen **zwei Wochen nach Zugang** der Kündigung anfechten; Gründe: Motiv und Sozialwidrigkeit; **kein Sozialvergleich**. - **Zustimmung** (innerhalb der einwöchigen Stellungnahmefrist, **Zweidrittelmehrheit**): der Arbeitnehmer kann binnen zwei Wochen nach Zugang nur wegen eines **verpönten Motivs** anfechten — die Zustimmung **versperrt** die Anfechtung wegen Sozialwidrigkeit (**Sperrrecht**); kein Sozialvergleich. - **Sozialvergleich (§ 105 Abs 3c ArbVG):** Bei Widerspruch gegen eine Kündigung aus betrieblichen Gründen ist sie sozial ungerechtfertigt, wenn der Vergleich sozialer Gesichtspunkte für den Gekündigten eine **größere soziale Härte** ergibt als für andere Arbeitnehmer desselben Betriebs und derselben Tätigkeitssparte, deren Arbeit er zu leisten fähig und willens ist. Vergleichspersonen sind **namhaft zu machen** und die maßgeblichen Umstände je Vergleichsperson zu konkretisieren. Vergleichspersonen mit **besonderem Kündigungsschutz** (zB Elternkarenz, Betriebsratstätigkeit) müssen nicht geprüft werden — ihr Schutz hat Vorrang. - **Fristbeginn (§ 105 Abs 4 ArbVG):** Die Anfechtungsfrist läuft erst ab Verständigung des Anfechtenden vom Ausspruch der Kündigung; die Frist des Betriebsrats beginnt **frühestens mit dem Zugang der Kündigung an den Arbeitnehmer**. Postenlauftage werden nicht eingerechnet — Aufgabe am letzten Tag zur Post genügt. - **Formalfehler-Schutz:** Die fristgerechte Einbringung durch den Arbeitnehmer ist gem **§ 105 Abs 4a ArbVG** auch bei einem **örtlich unzuständigen Gericht** rechtzeitig. Nimmt der Betriebsrat die Klage ohne Zustimmung des Arbeitnehmers zurück, tritt die Wirkung erst ein, wenn der verständigte Arbeitnehmer nicht binnen **14 Tagen** in den Rechtsstreit eintritt. - **Betrieb ohne Betriebsrat:** In einem betriebsratspflichtigen Betrieb (**mind. 5 Arbeitnehmer**) ohne Betriebsrat kann der Arbeitnehmer binnen **zwei Wochen nach Zugang** selbst anfechten (§ 107 ArbVG) — wegen Motivs **und** Sozialwidrigkeit, ohne Sozialvergleich. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Anfechtungsgründe | verpönte Motive (§ 105 Abs 3 Z 1) ODER Sozialwidrigkeit nach **6 Monaten** Betriebszugehörigkeit (§ 105 Abs 3 Z 2) (Stand 2026-07) ✅ | | Wartezeit | nur Zeiten als AN iSd § 36 Abs 1 ArbVG; bei Organmitgliedern/leitenden Angestellten (§ 36 Abs 2) Neubeginn mit Wegfall der Ausnahmestellung ✅ | | Stellungnahmefrist Betriebsrat | **1 Woche** ab Verständigung von der Kündigungsabsicht (→ lb-brt-31) | | BR-Anfechtung bei Widerspruch | **1 Woche** ab Verständigung vom Ausspruch, nur auf Verlangen des AN ✅ | | AN-Anfechtung bei Widerspruch | **weitere 2 Wochen** nach BR-Frist → insgesamt **21 Tage** ab Ausspruch ✅ | | AN-Frist (keine Stellungnahme) | **2 Wochen** ab Zugang der Kündigung (Maßgeblichkeit des Zugangs an den AN) ✅ | | AN-Frist (Zustimmung) | **2 Wochen** ab Zugang; nur verpönte Motive (Zweidrittelmehrheit; Sperrrecht gegen Sozialwidrigkeit) ✅ | | Sozialvergleich | nur bei Widerspruch; § 105 Abs 3c: größere soziale Härte, gleicher Betrieb und Tätigkeitssparte; Vergleichspersonen namhaft machen ✅ | | Fristbeginn | Verständigung vom Ausspruch; BR-Frist frühestens mit Zugang an den AN; Postenlauf nicht eingerechnet ✅ | | Örtliche Unzuständigkeit | Klage dennoch fristwahrend (§ 105 Abs 4a) ✅ | | Klagsrücknahme des BR | Wirkung erst, wenn AN nicht binnen **14 Tagen** ab Verständigung eintritt (§ 105 Abs 4) ✅ | | Betrieb ohne BR | AN-Anfechtung binnen **2 Wochen** ab Zugang (§ 107 ArbVG); Betrieb mind. **5** AN; Motiv und Sozialwidrigkeit, kein Sozialvergleich ✅ | | Entgeltnachzahlung | bei Erfolg; Anrechnung von Zwischenverdienst/absichtlich versäumtem Verdienst (nur bei zumutbarer Ersatzbeschäftigung); Fälligkeit idR mit Rechtskraft ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 105 Abs 3 Z 1, Z 2 ArbVG** (Anfechtungsgründe Motivkündigung/Sozialwidrigkeit mit 6-monatiger Wartezeit) — zitiert ✅ - **§ 105 Abs 3c ArbVG** (Sozialvergleich, größere soziale Härte) — zitiert ✅ - **§ 105 Abs 4 ArbVG** (Fristbeginn durch Verständigung; Eintrittsfrist 14 Tage bei Klagsrücknahme) — zitiert ✅ - **§ 105 Abs 4a ArbVG** (fristwahrende Einbringung beim örtlich unzuständigen Gericht) — zitiert ✅ - **§ 36 Abs 1, Abs 2 ArbVG** (arbeitnehmerbegriffliche Grenzen der Wartezeit) — zitiert ✅ - **§ 107 ArbVG** (Anfechtung im betriebsratspflichtigen Betrieb ohne Betriebsrat) — zitiert ✅ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Endabrechnung trotz Anfechtung:** Das Dienstverhältnis endet zunächst zum Kündigungstermin und ist regulär endabzurechnen — Odoo 19: `hr.contract` close, final Payslip, Abmeldung im **Meldewesen** auch laufendem Anfechtungsprozess. - **Bei Erfolg der Anfechtung:** Vertrag wieder öffnen (state zurück auf running), **retroaktive Entgeltnachzahlung** mit Anrechnung des Zwischenverdienstes als Eingabezeilen/Belastungen am Payslip; **SV-Beitragsgrundlagen** nachbeziehen; Meldewesen: Storno/Neumeldung; Urlaubs- und Abfertigungsansprüche fortgeführt — Fälligkeit der Nachzahlung im Regelfall mit Rechtskraft als Zahlungsdatum führen. - **Fristencockpit:** Die gestuften Fristen (1 Woche BR, +2 Wochen AN, 21 Tage gesamt; 14 Tage Eintritt) als Aktivitäten/Aufgaben am Kündigungsobjekt abbicken, sonst verliert der Prozess den Anschluss. - Die **6-monatige Wartezeit** (nur § 36-ArbVG-Zeiten) ist keine Abrechnungsregel, aber für HR-Reports (Anfechtungsrisiko) auswertbar. ## Verweise - **KB-intern:** lb-bnd-38 (Besonderer Kündigungsschutz) · lb-bnd-43 (Motivkündigung) · lb-bnd-44 (Sozialwidrige Kündigung) · lb-brt-31 (Stellungnahme des Betriebsrates zur Kündigung) · lb-brt-34 (Verständigung des Betriebsrates vor Kündigungsausspruch) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` - *Hinweis:* Die Verweisstellen „s: Motivkündigung" und „s: Sozialwidrige Kündigung" sind im Export ohne Ziele, aber mit Titeln übernommen; die Überschrift „Zusamenfassung" im Quelltext ist Export-Typo („Zusammenfassung").