--- id: lb-dnh-04 batch: 6 title: "Dienstnehmerhaftung - Regress" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Arbeitnehmerschutz" topic: dienstnehmerhaftung author: "Salcher" stand: 2026-06 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_dienstnehmerhaftung_regress.pdf" text: ".lexis360/md/dienstnehmerhaftung_regress.md" legal_bases: ["ABGB § 1313", "ABGB § 1313a", "ABGB § 1315", "ABGB §§ 970 ff", "ABGB § 1319a", "ABGB § 1014", "DHG § 2", "DHG § 3 Abs 1", "DHG § 3 Abs 2", "DHG § 3 Abs 4", "DHG § 4", "EKHG § 5", "EKHG § 19 Abs 2", "ZPO § 21", "ASVG § 332 Abs 1", "ASVG § 332 Abs 5"] tags: [dienstnehmerhaftung, regress, vergutungsanspruch, innerbetrieblicher-schadensausgleich, solidarhaftung, legalzession] cross_refs: ["lb-dnh-01", "lb-dnh-02", "lb-dnh-03", "lb-dnh-05", "lb-dnh-06", "lb-asc-08", "lb-ent-07", "lb-gpl-05"] --- # Dienstnehmerhaftung – Regress *Lexis Briefings Personalrecht, Salcher, Stand Juni 2026 (lb-dnh-04).* ## Zusammenfassung - **Konstellation:** Schädigt der Arbeitnehmer bei Erbringung seiner Arbeitsleistungen einen Dritten (Kunde, Arbeitskollege), hat sich dieser primär an den Arbeitnehmer als unmittelbaren Schädiger zu halten (§ 1313 ABGB). Liegt ein **gesetzlicher Mithaftungstatbestand** vor, haften Arbeitgeber und Arbeitnehmer solidarisch; der Dritte wählt, wen er nimmt, und der innerbetriebliche Schadensausgleich folgt nach: zahlt der Arbeitnehmer, begehrt er **Vergütung** vom Arbeitgeber (§ 3 DHG); zahlt der Arbeitgeber, begehrt er **Regress** vom Arbeitnehmer (§ 4 DHG). - **Mithaftungstatbestände des Arbeitgebers:** § 1313a ABGB (Erfüllungsgehilfe), § 1315 ABGB (Besorgungsgehilfe bei untüchtiger oder wissentlich gefährlicher Person), §§ 970 ff ABGB (Gastwirtehaftung), § 1319a ABGB (Wegehalter), §§ 5, 19 Abs 2 EKHG (Kfz-/Eisenbahnhaftpflicht). Ohne Mithaftungstatbestand gewährt die hM dem Arbeitnehmer einen Anspruch aus **§ 1014 ABGB analog** (Risikohaftung des Arbeitgebers) für den arbeitsadäquaten Sachschaden. - **§ 3 DHG (Vergütung):** unverzügliche, formlose Mitteilung der Inanspruchnahme und Streitverkündung im Klagsfall (§ 21 ZPO); Unterlassung kostet den Anspruch nicht, wohl aber Einbußen bei verlorenen Einwendungen (§ 3 Abs 4 DHG). Der Anspruch entsteht nur, wenn der Schaden dem Dritten **im Einverständnis des Arbeitgebers oder aufgrund eines rechtskräftigen Urteils tatsächlich ersetzt** wurde — Feststellungsurteil, (außer)gerichtlicher Vergleich oder Unterwerfung unter die Aufrechnung des Dritten genügen nicht; Einverständnis/Urteil müssen bei der Zahlung vorliegen. Zur Höhe gelten die Kriterien der Direktschädigung (§ 3 Abs 2 S 2 DHG): kein Anspruch bei Vorsatz, volle Vergütung (inkl. notwendiger Prozess- und Exekutionskosten) bei entschuldbarer Fehlleistung, Mäßigung nach den Mäßigungskriterien bei grober/leichter Fahrlässigkeit (→ lb-dnh-03, lb-dnh-06). - **Arbeitskollegen als Dritte:** Haftungserleichterungen gelten zwischen Arbeitnehmern nicht. Bei Sach-/Vermögensschäden entspricht die Lage jener gegenüber „echten" Dritten. Bei **Personenschäden** kommt es auf das **Dienstgeberhaftungsprivileg** an: Erfasst der Schädiger es (gesetzlicher/bevollmächtigter Vertreter oder Aufseher der konkreten Arbeitssituation; Schaden nicht durch ein Verkehrsmittel mit gesetzlich erhöhter Haftpflicht verursacht), haftet er dem Kollegen nur bei **Vorsatz**; jedenfalls ist keine Überwälzung auf den Arbeitgeber möglich, weil für diesen das Privileg gilt. Im Umfang der Leistungen der Unfallversicherung gehen Ansprüche des Geschädigten per **Legalzession** auf den SV-Träger über (§ 332 Abs 1 ASVG); gegen einen Arbeitskollegen kann der SV-Träger nur bei **Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit** (oder erhöhter Haftpflicht-Verkehrsmittel) vorgehen (§ 332 Abs 5 ASVG). - **§ 4 DHG (Regress) ist reziprok:** Mitteilungs- und Streitverkündungspflicht des Arbeitgebers; Regress nur bei tatsächlicher Ersatzleistung im Einvernehmen mit dem Arbeitnehmer oder nach rechtskräftigem Urteil; Höhe nach den Schadensteilungs- regeln des § 2 DHG. Anders als bei § 3 DHG ist nicht erforderlich, dass der Arbeitnehmer dem Dritten gegenüber überhaupt haftet. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-06) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Vergütungsvoraussetzung § 3 DHG | Ersatz tatsächlich geleistet **im Einverständnis des AG oder aufgrund eines rechtskräftigen Urteils**; Feststellungsurteil, Vergleich, Aufrechnungsunterwerfung genügen nicht; Einverständnis/Urteil bei Zahlung vorliegend (Stand 2026-06) | | Mitteilungspflichten | unverzüglich, formlos; Streitverkündung nach § 21 ZPO; Verletzung → Einbußen (§ 3 Abs 4 DHG), kein Anspruchsverlust (Stand 2026-06) | | Höhe Vergütung | Vorsatz: **kein** Anspruch · entschuldbare Fehlleistung: **volle** Vergütung inkl. notwendiger Prozess-/Exekutionskosten · grob/leicht fahrlässig: Mäßigung nach § 2 DHG (Stand 2026-06) | | Arbeitskollege, Personenschaden | bei Dienstgeberhaftungsprivileg Haftung des Schädigers nur bei **Vorsatz**; keine Überwälzung auf den AG (Stand 2026-06) | | Legalzession | § 332 Abs 1 ASVG auf den SV-Träger; gegen Arbeitskollegen Geltendmachung nur bei **Vorsatz/grober Fahrlässigkeit** bzw. erhöhter Haftpflicht-Verkehrsmittel (§ 332 Abs 5 ASVG) (Stand 2026-06) | | Fristen | Vergütung und Regress unterliegen der 6-Monats-Präklusion des § 6 DHG bzw. der Verjährung — → lb-dnh-05 (Stand 2026-06) | ## Rechtsgrundlagen - **ABGB:** § 1313 (unmittelbarer Schädiger), §§ 1313a, 1315, 1319a, §§ 970 ff (Mithaftungstatbestände), § 1014 (analog, Risikohaftung nach hM) — ✅ zitiert. - **DHG:** § 3 (Abs 1, 2, 4 — Vergütung), § 4 (Regress, reziprok), § 2 (Schadensteilungsregeln für die Höhe) — ✅ zitiert. - **§ 21 ZPO** (Streitverkündung), **§§ 5, 19 Abs 2 EKHG**, **§ 332 Abs 1 und 5 ASVG** (Legalzession, Kollegen-Schutz) — ✅ zitiert. - Das Dienstgeberhaftungsprivileg nennt die Quelle **ohne §-Zitat**; lb-asc-08 (Stand 2026-07) lokalisiert es in § 333 ASVG — ⚠ vor Implementierung am RIS-Text verifizieren. - Zitierte Judikatur (Auswahl): 8 ObA 246/94 (kein Feststellungsurteil), 4 Ob 16/78 (keine Überwälzung bei Privileg) — ⚠ vor Implementierung gegen RIS verifizieren. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Zwei Geldflüsse sauber trennen:** Vergütung (AG → AN nach § 3 DHG) und Regress (AN → AG nach § 4 DHG) sind innerbetriebliche Ausgleichsforderungen — der Regressabzug vom Lohn unterliegt dem Aufrechnungsverbot des § 7 DHG samt Mäßigungspflicht (→ lb-dnh-02). - **Fälligkeit erst mit Ereignis:** Beide Ansprüche entstehen erst mit der tatsächlichen Ersatzleistung — Zahlungs-/Einverständnisdatum als Ereignis für Fristbeginne und Abzugsfreigabe dokumentieren (→ lb-dnh-05). - **Abgrenzung zu Abgaben-Regressen:** Für vom Arbeitgeber vorersetzte **Lohnsteuer** und **SV-Anteile** gelten eigene Regress- und Abzugsregime (§ 60 ASVG, §§ 81 f EStG), nicht das DHG (→ lb-gpl-05, lb-ent-07); der Schadenersatz-Regress nach § 4 DHG ist davon getrennt zu verbuchen. - **§ 332-ASVG-Fälle (Arbeitsunfall unter Kollegen):** Der SV-Träger zieht den Schädiger nur bei Vorsatz/grober Fahrlässigkeit heran — kein automatischer Regressabzug ohne geklärte Anspruchslage (→ lb-asc-08 für Arbeitsunfall/Leistungen). ## Verweise - **KB-intern:** lb-dnh-01 (Anwendungsbereich — dienstliche Schädigung) · lb-dnh-02 (Abzugsmechanik § 7 DHG) · lb-dnh-03 (Mäßigungskriterien für die Höhe) · lb-dnh-05 (Präklusiv-/Verjährungsfristen ab Ersatzleistung) · lb-dnh-06 (Verschuldensgrade) - **KB-quer:** lb-asc-08 (Arbeitsunfall und Berufskrankheit — dort Dienstgeberhaftungsprivileg, § 333 ASVG, aus SV-Sicht) · lb-ent-07 (Regress für vorersetzte Lohnsteuer/SV-Beiträge — anderes Regime) · lb-gpl-05 (Regress des Arbeitgebers bei GPLB-Nachforderungen — Abgabenregime als Kontrast zum DHG-Regress) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md`; Bgld. siehe `RECHTSQUELLEN-Bgld.md`. - *Hinweis:* Export-Footer („Page n", „Erstellt von …") ignoriert; die Checklisten-Verweise der Quelle („Innerbetrieblicher Schadensausgleich nach DHG", „Vergütung und Regress") stehen nicht im Katalog.