--- id: lb-sch-08 batch: 7 title: "Schwangerschaft - Probezeit, Befristung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Schwangerschaft & Elternkarenz" topic: schwangerschaft author: "Sabara" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_schwangerschaft_probezeit_befristung.pdf" text: ".lexis360/md/schwangerschaft_probezeit_befristung.md" legal_bases: ["MSchG § 10", "MSchG § 10a", "MSchG § 12", "GlBG § 3", "GlBG § 12 Abs 7"] tags: [mutterschutz, schwangerschaft, probezeit, befristung, kundigungsschutz, diskriminierung] cross_refs: ["lb-sch-03", "lb-sch-05", "lb-sch-06", "lb-glb-01", "lb-glb-02", "lb-leh-16"] --- # Schwangerschaft - Probezeit, Befristung *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara, Stand Juli 2026 (lb-sch-08).* ## Zusammenfassung - **Schutzbeginn:** Der Kündigungs- und Entlassungsschutz (§§ 10, 12 MSchG) beginnt mit dem **Schwangerschaftsbeginn im biologischen Sinn** (Vereinigung von Eizelle und Samenzelle; ob eine „intakte" Schwangerschaft vorliegt, ist irrelevant). Keine Rückrechnung vom ärztlich errechneten Geburtstermin — die Medizin zählt 280 Tage/40 Wochen ab dem 1. Tag der letzten Menstruation, also vor der tatsächlichen Befruchtung. Bei In-vitro-Fertilisation beginnt der Schutz erst mit dem **Einsetzen der Eizelle in die Gebärmutter**. - **Schutzende:** 4 Monate nach der Entbindung; bei Karenz oder Elternteilzeit im Anschluss an die Schutzfrist 4 Wochen (= 28 Tage) nach deren Beendigung. **Fehlgeburt:** Kündigung bis zum Ablauf von 4 Wochen danach rechtsunwirksam (§ 10 Abs 1a MSchG, ärztliche Bestätigung auf Verlangen); Entlassung nur mit Gerichtszustimmung (§ 12 Abs 1 MSchG). - **Probezeit:** Innerhalb der Probezeit (idR Probemonat) gelten die MSchG-Schutzbestimmungen **nicht** — Auflösung grundsätzlich möglich. Aber: Die Auflösung **nur wegen der Schwangerschaft** verstößt gegen das Gleichbehandlungsgebot (§ 3 GlBG) und ist als Geschlechts- diskriminierung anfechtbar (Sanktionen nach § 12 Abs 7 GlBG: Vermögensschadenersatz + Entschädigung für persönliche Beeinträchtigung); der Arbeitgeber muss ein anderes Motiv glaubhaft machen — Praxistipp der Quelle: Dokumentation der sachlichen Rechtfertigung. Das **Verschweigen/Verneinen** einer bestehenden Schwangerschaft bei Dienstantritt ist nach ständiger OGH-Rechtsprechung **kein Entlassungsgrund** — auch nicht bei ausdrücklicher (unzulässiger) Frage. - **Befristung (§ 10a MSchG), drei Konstellationen:** (1) Läuft die Befristung erst **nach** Beginn der Schutzfrist ab (zB mitten in der Karenz), endet das Dienstverhältnis mit Ablauf der Befristung — die Befristung ist idR „stärker" als Karenz/Elternteilzeit. (2) Läuft sie **vor** der Schutzfrist ab und ist sie **sachlich gerechtfertigt**, endet das Dienstverhältnis mit Ablauf. (3) Ist sie **nicht** sachlich gerechtfertigt und läuft sie vor der Schutzfrist ab, wird der Fristablauf **bis zum Beginn des generellen bzw. auf Dauer ausgesprochenen individuellen Beschäftigungsverbots gehemmt** — das Dienstverhältnis „verlängert" sich bis zum Schutzfristbeginn. Wurde die Schwangerschaft vor Fristablauf gekannt, aber erst nach Dienstende ohne Hinderungsgrund mitgeteilt, kommt keine Ablaufhemmung mehr in Betracht (9 ObA 133/19b). - **Sachliche Rechtfertigung (§ 10a Abs 2 MSchG):** im Interesse der Arbeitnehmerin (schriftlich festhalten!), Vertretung verhinderter Arbeitnehmer, Ausbildungszwecke, Saison, Erprobung — nur wenn die Verwendung eine längere Erprobung als die Probezeit erfordert **und** die Vereinbarung erkennbar „zur Erprobung" abgeschlossen wurde (3-Monats-Befristung mit gesetzlichem Probemonat genügt dafür nicht). Judikaturbeispiele: gerechtfertigt — anspruchsvolles Rechnungswesen (6 Monate), Ordinationshilfe (3 Monate), Planungsassistentin (3 Monate), Hausverwalterin mit Großkunden/Teamleiter-Perspektive (3 Monate); nicht gerechtfertigt — Regalbetreuerin/Reinigungskraft, Verkäuferinnen (2 bzw. 4 Monate). - **Behaltezeit-Lehrling:** Wird eine „ausgelernte" Lehrling während der Behaltezeit schwanger und im (befristeten) Behaltezeit-Dienstverhältnis in Unkenntnis der Schwangerschaft einvernehmlich aufgelöst, verlängert sich das Dienstverhältnis bis zum Tag vor Beginn der „Wochenhilfe" (9 ObA 10/06w; ⚠ Quellenbegriff „Wochenhilfe" — Terminologie vor Verwendung am Originaltext der Entscheidung verifizieren). - **GlBG § 12 Abs 7 Satz 2:** Klage auf Feststellung des unbefristeten Bestehens möglich, wenn ein auf Umwandlung in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis angelegtes befristetes Verhältnis wegen des Geschlechts oder der Geltendmachung von Ansprüchen durch Zeitablauf beendet wurde; Beispiel Spezialausbildung mit mitgeteilter Schwangerschaft und ausgebliebener Verlängerung = unmittelbare Geschlechtsdiskriminierung (8 ObA 18/24s). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Schutzbeginn | biologischer Schwangerschaftsbeginn (Vereinigung Eizelle/Samenzelle); IVF: erst ab Einsetzen in die Gebärmutter | | Schutzende | Entbindung + 4 Monate; Karenz/Elternteilzeit: + 4 Wochen (28 Tage) nach deren Ende | | Fehlgeburt | Kündigungs-/Entlassungsschutz 4 Wochen (§§ 10 Abs 1a, 12 Abs 1 MSchG) | | Probezeit | MSchG-Schutz nein; GlBG-Diskriminierungsschutz ja (§ 3, § 12 Abs 7 GlBG) | | Befristung, nicht gerechtfertigt, Ablauf vor Schutzfrist | Hemmung des Fristablaufs bis zum Schutzfristbeginn (§ 10a MSchG) | | Erprobungs-Befristung | längere Erprobung erforderlich **und** Erprobungszweck aus der Vereinbarung erkennbar | ## Rechtsgrundlagen - **§ 10 MSchG** (Abs 1, Abs 1a), **§ 10a MSchG** (Abs 1 Hemmung, Abs 2 Rechtfertigungsgründe), **§ 12 MSchG** (Abs 1), **§ 3 GlBG** (Gleichbehandlungsgebot), **§ 12 Abs 7 GlBG** (Sanktionen, Feststellungsklage) — ✅ im Quelltext zitiert; breite Judikatur-Aufzählung beigegeben. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Probezeit-Regel:** kein MSchG-Schutzfenster innerhalb der Probezeit abbilden, aber Diskriminierungsrisiko protokollieren: Auflösungen in der Probezeit schwangerer Mitarbeiterinnen mit Begründungs-Dokumentation (rechtfertigungsfähige Motive) — Workflow-Hinweis, keine harte Sperre. - **Befristungs-Konfliktprüfung:** Bei befristeten Verträgen mit schwangerer Arbeitnehmerin drei Fallpfade (Ablauf nach/vor Schutzfristbeginn; Hemmung bei fehlender sachlicher Rechtfertigung) — der Befristungslauf darf bei Hemmung **nicht** automatisch das Dienstverhältnis beenden: Beendigungs-Constraint „Befristungsablauf × Mutterschutzfenster" mit Hemmungs-Ereignis (Verlängerung bis Schutzfristbeginn) vorsehen. Befristungsgrund „Erprobung" als Vertragsfeld mit Hinweistext (Zweck-Dokumentation) führen. - **Fristendaten:** Schutzfenster-Berechnung braucht den biologischen Beginn — technisch nur über meldepflichtige Ereignisse (→ lb-sch-07); keine Rückrechnung vom ET automatisieren. - **Abrechnungsfolge bei Hemmung:** Entgeltfortzahlung über das ursprüngliche Befristungsende hinaus (Normalarbeitszeit läuft weiter); Urlaubsersatzleistung/Abfertigungsberechnungen erst zum effektiven Enddatum. Behaltezeit-Lehrlinge: Schnittstelle zur Lehrvertrags-Verwaltung (→ lb-leh-16). - Bgld. Gemeindebedienstete: Probezeit-/Befristungsregime nach GemBG (bundesrechtliche Restfälle MSchG), Gruppenprüfung vor Aktivierung (`personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Bgld.md`). ## Verweise - **KB-intern:** lb-sch-03 (einvernehmliche Auflösung bei Unkenntnis) · lb-sch-05 (Geltungsbereich, Lehrlinge) · lb-sch-06 (Kündigung/ Entlassung mit Zustimmungsvorbehalt) · lb-glb-01 (Gleichbehandlungsgrundsatz) · lb-glb-02 (Diskriminierung) · lb-leh-16 (Behaltezeit/Weiterbeschäftigung nach Lehrzeit). - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` · `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Bgld.md`.