--- id: lb-ues-04 batch: 5 title: "Verpflichtung zur Überstundenarbeit" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Arbeitszeit" topic: uberstunden author: "Thöny-Maier" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_verpflichtung_zur_uberstundenarbeit.pdf" text: ".lexis360/md/verpflichtung_zur_uberstundenarbeit.md" legal_bases: ["AZG § 6", "AZG § 7 Abs 6", "ArbVG § 97 Abs 1 Z 13"] tags: [uberstunden, verpflichtung, ablehnungsrecht, treuepflicht, notfall, betriebsvereinbarung] cross_refs: ["lb-ues-01", "lb-ues-02", "lb-ues-03", "lb-zus-08", "lb-sch-01"] --- # Verpflichtung zur Überstundenarbeit *Lexis Briefings Personalrecht, Thöny-Maier, Stand Juli 2026 (lb-ues-04).* ## Zusammenfassung - **Keine gesetzliche Leistungspflicht:** § 6 Abs 2 AZG erlaubt die Heranziehung zu Überstunden nur, wenn sie nach dem AZG zulässig sind und ihr **keine berücksichtigungswürdigen Interessen** des Arbeitnehmers entgegenstehen — begründet aber keine Pflicht zur tatsächlichen Leistung. - **Verpflichtungsquellen:** Arbeitsvertrag, Kollektivvertrag oder Betriebsvereinbarung. Eine BV kann die Pflicht nach § 97 Abs 1 Z 13 ArbVG nur **vorübergehend** (nicht auf Dauer) begründen. - **Notfall aus Treuepflicht:** Außerhalb vertraglicher/KV-/BV-Grundlagen besteht eine Überstundenpflicht nur in eng begrenzten Notfällen — **unvorhersehbar**, „nicht zu verhindern", keine anderen zumutbaren Maßnahmen möglich. Der Arbeitgeber muss rechtzeitig Vorsorge treffen (Personalstand, Vertretungen, Neueinstellungen, Überlassung, Überstundenvereinbarungen); bloßer betrieblicher Mehrbedarf genügt nicht. - **Ablehnungsrecht (§ 7 Abs 6 AZG idF BGBl I 2018/53):** Überstunden nach § 7 (einschließlich der vom Arbeitsinspektorat bewilligten des Abs 5!) und nach § 8 Abs 1 und 2 (Vor-/Abschlussarbeiten) können **ohne Angabe von Gründen** abgelehnt werden, wenn dadurch **10 Stunden täglich oder 50 Stunden wöchentlich** überschritten werden; keinerlei Sanktionen zulässig. ⚠ Das Schwester-Briefing lb-ues-01 zitiert dieses Recht als „§ 7 Abs 1" — Abs 6 (idF BGBl I 2018/53) ist die hier zweifach belegte Fundstelle; vor Implementierung gegen RIS konsolidieren. - **Gesetzwidrige Überstunden** über das höchstzulässige Ausmaß hinaus sind **nichtig** — ihre Leistung kann stets verweigert werden, selbst bei grundsätzlicher vertraglicher Pflicht. - **Interessenabwägung:** Nur zu prüfen, wenn eine grundsätzliche Pflicht besteht und § 7 Abs 6 nicht greift. Arbeitnehmerseite zB: Fortbildung, Betreuungspflichten, wichtige familiäre/gesellschaftliche Anlässe, bereits hohe Vorleistung, getroffene unabänderliche Dispositionen, Elternteilzeit (Betreuung überwiegt idR). Arbeitgeberseite zB: Dringlichkeit, keine einsetzbaren anderen Arbeitnehmer, drohende wirtschaftliche Nachteile, Unvorhersehbarkeit des Ausfalls. Faustregel: Je dringlicher die Überstundenarbeit, desto gravierender müssen die entgegenstehenden Interessen sein. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Heranziehungsvoraussetzung | § 6 Abs 2 AZG: Zulässigkeit nach AZG + keine berücksichtigungswürdigen Interessen des AN | | Verpflichtungsquellen | Arbeitsvertrag, KV, BV (§ 97 Abs 1 Z 13 ArbVG — nur **vorübergehend**) | | Notfall-Pflicht | aus Treuepflicht; enge Voraussetzungen: unvorhergesehen, unvermeidbar, keine zumutbare Alternative; AG-Vorsorgepflicht | | Grundlose Ablehnung | § 7 Abs 6 AZG idF BGBl I 2018/53 bei > 10 h/Tag bzw. > 50 h/Woche; umfasst § 7 Abs 1–5 **und** § 8 Abs 1–2 | | Sanktionsverbot | bei grundloser Ablehnung nach § 7 Abs 6: keinerlei Sanktionen | | Gesetzwidrige ÜStd | über Höchstgrenzen hinaus: nichtig, jederzeit verweigerbar | | Abwägungsreihenfolge | erst Pflicht prüfen, dann § 7 Abs 6, dann erst berücksichtigungswürdige Interessen | ## Rechtsgrundlagen - **§ 6 Abs 2 AZG** (Heranziehungsvoraussetzung), **§ 7 Abs 6 AZG idF BGBl I 2018/53** (grundloses Ablehnungsrecht), **§ 97 Abs 1 Z 13 ArbVG** (zwingbare BV Überstunden) — ✅ alle im Quelltext zitiert. - Umfangreiche Judikatur/Kommentarliteratur als Fundstellen genannt (u.a. 9 ObA 191/95, OLG Wien 8 Ra 72/04y, 9 ObA 333/98f, ASG Wien 18 Cga 150/99f) — für die Kuratierung nicht vertieft. - ⚠ Fundstellenkonflikt zur Ablehnungsregel gegenüber lb-ues-01 („§ 7 Abs 1") — hier: § 7 Abs 6, doppelt belegt; RIS-Konsolidierung vor Implementierung. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Kein eigener Abrechnungsparameter:** Die Pflichtenfrage ist arbeitsrechtlicher Kontext; lohnrelevant ist, dass **gesetzwidrige** Überstunden gleichwohl geleistet werden können — sie sind dann regulär zu vergüten (§ 10 AZG-Zuschlagsanspruch bleibt, → lb-ues-03); eine automatische Sperrung von Zuschlägen bei Grenzüberschreitungen wäre falsch. - **Arbeitszeit-Grenzvalidierung** (10 h/50 h aus § 7 Abs 6; Höchstgrenzen aus lb-ues-01) als Warnregeln auf Work-Entry-Daten, damit Sanktions- und Nichtigkeitsrisiken des Arbeitgebers sichtbar werden — reine Compliance-Hinweise, keine Bezugsänderung. - **Beschäftigungsverbote haben Vorrang:** Bei schwangeren/stillenden Arbeitnehmerinnen ist Überstundenleistung per § 8 MSchG unzulässig — ÜStd-Work-Entries während eines Verbotszeitraums sperren (→ lb-sch-01). - **BV-/Vertrags-Flag „Überstundenverpflichtung"** (vorübergehend, befristet) als Stammdatumsfeld nützlich für Planung/Validierung, nicht für die Bezugsberechnung. ## Verweise - **KB-intern:** lb-ues-01 (Ausmaß der Überstunden, Höchstgrenzen) · lb-ues-02 (Pauschale/All-in) · lb-ues-03 (Vergütung selbst bei unzulässigen ÜStd) · lb-zus-08 (überstundenzuschläge arbeitsrechtlich) · lb-sch-01 (ÜStd-Verbot nach MSchG) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` — AZG-Volltext ⚠/❓ (GP1/GP2 per RIS zu verifizieren); die hier dokumentierten Paragrafenzitate stammen aus dem Quellbriefing.