--- id: lb-azm-05 batch: 5 title: "Kurzarbeit – Inhaltliche Ausgestaltung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Arbeitszeit" topic: arbeitszeitmodelle author: "Niederfriniger" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_kurzarbeit_inhaltliche_ausgestaltung.pdf" text: ".lexis360/md/kurzarbeit_inhaltliche_ausgestaltung.md" legal_bases: ["AMSG § 37b Abs 5", "KAB-Richtlinie", "Sozialpartnervereinbarung", "ArbVG § 9 Abs 2"] tags: [kurzarbeit, kurzarbeitsunterstuetzung, bruttoersatzrate, behaltepflicht, geltungsbereich, lehrlinge] cross_refs: ["lb-azm-04", "lb-azm-06", "lb-leh-07", "lb-leh-11"] --- # Kurzarbeit – Inhaltliche Ausgestaltung *Lexis Briefings Personalrecht, Niederfriniger, Stand Juli 2026 (lb-azm-05).* ## Zusammenfassung - **Normenstruktur:** Arbeitsrechtliche Bedingungen stehen in der **Sozialpartnervereinbarung** (SPV), beihilfenrechtliche in der **KAB-Richtlinie**. Räumlicher Geltungsbereich (Abschn I SPV): Unternehmen, Betriebe oder Betriebsteile — letztere nur, wenn fachlich und organisatorisch abgrenzbar (unterschiedliche KVs, Standorte oder Gewerbe unter eigenständiger Leitung, vgl. Lehre zu § 9 Abs 2 ArbVG); Arbeitskräfteüberlasser können je Beschäftiger abschließen. - **Persönlicher Geltungsbereich:** alle Arbeitnehmer im räumlichen Geltungsbereich, **ausgenommen geringfügig Beschäftigte, Lehrlinge und nahe Angehörige** (Stand 2026-07); weitere Gruppen per SPV ausnehmbar; Einzelvereinbarung: nur die unterzeichnenden Arbeitnehmer. Förderbar sind nur arbeitslosenversicherte Arbeitnehmer in aufrechtem Dienstverhältnis mit mind. **einem vollentlohnten Kalendermonat** vor Beginn (KAB Pkt 6.3; voller Monat schon bei Beginn am ersten KV-möglichen Arbeitstag des Monats). - **Zeitlicher Geltungsbereich:** max. **6 Monate** frei festlegbar (Gesamtdauer 24 Monate, → lb-azm-04); vorzeitige einseitige Beendigung durch den Arbeitgeber jederzeit möglich (unverzügliche schriftliche Information an Betriebsrat/Arbeitnehmer, Sozialpartner, AMS) — sie verkürzt die Behaltefrist; Vollbeschäftigung während laufender Kurzarbeit ist erlaubt. - **Beschäftigtenstand/Behaltepflicht:** Der Beschäftigtenstand unmittelbar vor Beginn ist aufrechtzuerhalten; idR bis **einen Monat nach der Kurzarbeit** (Behaltefrist) darf der Stand der einbezogenen Arbeitnehmer nicht verringert werden — auch nicht betroffene Arbeitnehmer dürfen während der Kurzarbeit nicht gekündigt werden. Ohne Auffüllpflicht bleiben Beendigungen, die vor Kurzarbeit gekündigt/frühwarnsystem- angemeldet (mit Sozialpartnerzustimmung) sind, sowie Zeitablauf befristeter Verhältnisse, Arbeitnehmerkündigung, berechtigte Entlassung, unberechtigter vorzeitiger Austritt, belehrte einvernehmliche Auflösung, Tod, Pensionsantritt, Probezeitauflösung und die Arbeitgeberkündigung bei hochgrad gefährdetem Fortbestand (mit Gewerkschafts-/AMS- Ausnahmebewilligung, idR nur drohende Insolvenz). Alle übrigen Beendigungen lösen eine **Auffüllpflicht** aus; unzulässige Verringerung → anteilige Rückforderung (KAB Pkt 6.10). Kein individueller Kündigungsschutz aus der SPV (OGH 8 ObA 48/21y). Zählung nach Köpfen (Beschäftigungsausmaß irrelevant); zusätzliche Leiharbeitskräfte verboten (außer mit Gewerkschaftszustimmung). - **Arbeitszeitreduktion:** Das reduzierte Arbeitszeitausmaß ist ein **Durchschnittswert** (Bandbreite **10–90 %**), ungleichmäßig verteuerbar; Änderungen sind zu vereinbaren. Der Arbeitgeber kann darüber hinausgehende Arbeit einseitig anordnen (mind. 3 Tage vorher, keine entgegenstehenden Interessen, innerhalb der vor-Kurzarbeit-Lage der NAZ) — keine Mehrarbeit; Überschreiten der vor-Kurzarbeit-NAZ = extra abzugeltende Überstunden, nur wenn die SPV sie zulässt (Abschn VI Pkt 6). - **Kurzarbeitsunterstützung:** Tatsächliche Arbeitsleistung voll bezahlen; dazu die Kurzarbeitsunterstützung bis zur Bruttoersatzrate von **mind. 88 %** (mindestens in Höhe der AMS-Beihilfe). Bemessungsgrundlage: Ø-Entgelt der **letzten 3 Monate** (bei unrepräsentativem Schnitt Provisionen: 12 Monate); eingerechnet werden All-in-Entgelt sowie unwiderrufliche/nicht widerrufene Überstundenpauschalen, **nicht** hingegen Gewinn-/Umsatzbeteiligungen, Einmalprämien, Sachbezüge, Mehr-/Überstundenentgelt und Aufwandersätze. KV-Erhöhungen, Vorrückungen und Umreihungen erhöhen die Bemessungsgrundlage im selben Ausmaß wie das fiktive Entgelt (Beispiel: +€ 80,– Mindestgehalt → +€ 70,40 Bruttoersatzrate). - **Sonderzahlungen/Abfertigung Alt** auch während der Kurzarbeit in voller Höhe, berechnet auf Basis des Entgelts **ohne** Kurzarbeit (Abschn VI Pkt 3 SPV). **Urlaub/Zeitausgleich:** altes Urlaubsjahr und Zeitguthaben tunlichst vor Beginn konsumieren (kein Zwang, aber Angebot nachweisbar; der bis 31. 12. 2022 zwingende Urlaubsverbrauch ist entfallen); Urlaubs-/Zeitausgleichsentgelt nach dem Entgelt vor Kurzarbeit; der Konsum zählt beim Reduktionsausmaß als volle Arbeitszeit (Beispiel: 30 % Reduktion + eine Urlaubswoche → effektiv 46 %). **Bildung:** Bei Anordnung des Arbeitgebers sind in der Ausfallzeit Bildungsveranstaltungen zu besuchen — arbeitsrechtlich wie Arbeitszeit bezahlt, beihilfenrechtlich wie Ausfallszeit gewertet; AMS-Förderung der Weiterbildungskosten wieder ab Sommer 2024 (Literaturangabe). - **Abgaben:** Die Kurzarbeitsunterstützung ist **Entgelt und lohnsteuerpflichtig** (§ 37b Abs 5 Satz 1 AMSG) und **kommunalsteuer- befreit**; SV-Beiträge richten sich nach der **letzten Beitragsgrundlage vor Beginn**, wenn sie höher ist (§ 37b Abs 5 Satz 2), bei neuem Projekt nach Günstigkeitsvergleich mit der fiktiven aktuellen BG. - **Lehrlinge:** Nach diesem Briefing sind Lehrlinge aus dem persönlichen Geltungsbereich der SPV **ausgenommen** (Stand 2026-07) — deckungsgleich mit lb-leh-07 (Stand 2026-07): seit 1. 1. 2023 keine Einbeziehung, Anspruch auf volles Lehrlingseinkommen (§ 1155 ABGB). ⚠ **Korpus- Widerspruch:** lb-leh-11 (Stand 2026-06) nennt noch die Einbeziehung mit 100 % des Lehrlingentgelts (historische Corona-Einleitung) — für die Umsetzung gilt der jüngere Stand (lb-leh-07, lb-azm-05); vor Implementierung gegen die aktuelle KAB-Richtlinie verifizieren. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Bruttoersatzrate | mind. **88 %** des bisherigen Bruttoentgelts; KU ≥ Höhe der AMS-Beihilfe | | Persönlicher Ausschluss | geringfügig Beschäftigte, **Lehrlinge**, nahe Angehörige | | Mindestvorbeschäftigung | **1 vollentlohnter Kalendermonat** vor Beginn (KAB Pkt 6.3) | | Zeitraster/Gesamtdauer | Zeitraum max. **6 Monate**; gesamt max. **24 Monate** (→ lb-azm-04) | | Arbeitszeitreduktion | Bandbreite **10–90 %**, Durchschnittswert, durchrechenbar | | Behaltepflicht | Beschäftigtenstand unmittelbar vor Beginn; Behaltefrist idR **1 Monat** nach Kurzarbeit; Zählung nach Köpfen | | Einseitige Mehranordnung | mind. **3 Tage Vorankündigung**; innerhalb der vor-Kurzarbeit-Lage der NAZ; keine Mehrarbeit | | Bemessungsgrundlage KU | Ø-Entgelt **letzte 3 Monate** (Provisionen: 12 Monate), ohne Gewinn-/Umsatzbeteiligungen, Einmalprämien, Sachbezüge, Mehr-/Überstundenentgelt, Aufwandersätze; mit All-in/Überstundenpauschalen. Beispiel Vorrückung: Mindestgehalt +€ 80,– → Bruttoersatzrate **+€ 70,40** | | Sonderzahlungen/Abfertigung Alt | volle Höhe, Basis Entgelt **ohne** Kurzarbeit | | Urlaub/Zeitausgleich | Entgelt nach Vor-Kurzarbeits-Basis; zählt als **volle Arbeitszeit** (30 % + Urlaubswoche → 46 %) | | Abgaben | KU **lohnsteuerpflichtig**, **KommSt-befreit**; SV auf letzter BG vor Beginn, wenn höher (neues Projekt: Günstigkeitsvergleich) — § 37b Abs 5 AMSG | ## Rechtsgrundlagen - **§ 37b Abs 5 AMSG** (Satz 1 Lohnsteuerpflicht der KU, Satz 2 SV-Beitragsgrundlage; KommSt-Befreiung), **KAB-Richtlinie** (Pkt 6.3 Förderbarkeit, Pkt 6.10 Rückforderung, Pkt 6.4.3.1 lit d KU ≥ Beihilfe), **Sozialpartnervereinbarung** (Abschn I Geltungsbereich, Abschn IV Beschäftigtenstand/KU, Abschn V Bildung, Abschn VI Sonderzahlungen/Überstunden), § 9 Abs 2 ArbVG (Betriebsteil-Abgrenzung, vgl). Lehrlinge: § 1155 ABGB über lb-leh-07. - ⚠ SPV-/KAB-Werte noch nicht gegen RIS/AMS verifiziert (Stand 2026-07). ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Kurzarbeits-Abrechnungsmodus:** je Arbeitnehmer und Projektzeitraum Ist-Arbeitszeit vs. reduzierte Sollzeit; Urlaubs-/Zeitausgleichs-Konsum erhöht das Reduktionsausmaß (zählt als volle Arbeitszeit) — Ausfallstunden je Monat dynamisch aus Work Entries ermitteln. - **88 %-Berechnung als Ausgleichsgröße:** fiktives Vergleichsentgelt (Ø 3/12 Monate, mit Ausschlussliste) je Version führen; KU als Differenz-Lohnart bis zur Bruttoersatzrate; bei KV-Vorrückung automatische Erhöhung der Bemessungsgrundlage (Anbindung an KV-Katalog/Vorrückungslogik). - **Abgabenverkabelung:** KU lohnsteuerpflichtig, aber kommunalsteuerbefreit → Steuerkategorien sauber trennen; SV auf der besonderen (höheren) BG vor Kurzarbeit → versionierter BG-Override je Arbeitnehmer und Projekt, mit Günstigkeitsvergleich bei Folgprojekten. - **Sonderzahlungen/Abfertigung Alt** auf Basis des fiktiven Vor-Kurzarbeits-Entgelts berechnen (eigene Bezugsgröße, nicht Ist). - **HR-Compliance:** Behaltepflicht/Beschäftigtenstand, Beendigungs- Ausnahmekatalog (Bestätigungen im Durchführungsbericht) und Lehrlings-Ausschluss als Validierungsregeln — Lehrlinge aus Kurzarbeits-Abrechnungen ausgeschlossen halten (→ lb-leh-07). ## Verweise - **KB-intern:** lb-azm-04 (Grundsätzliches und Verfahren) · lb-azm-06 (Kurzarbeitsbeihilfe: Berechnung, Ausfallstunden) · lb-leh-07 (Kurzarbeit für Lehrlinge ausgeschlossen, Stand 2026-07) · lb-leh-11 (⚠ konträre, ältere Angabe zur Lehrlings-Einbeziehung, Stand 2026-06) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Lohnsteuer-/ SV-Systematik; AMSG/SPV/KAB dort nicht verifiziert ⚠). Die Quelle verweist auf eine Arbeitshilfe mit Berechnungsbeispiel (nicht im KB-Korpus).