--- id: lb-dvh-03 batch: 7 title: "Sonstige Dienstverhinderungsgründe auf Arbeitnehmerseite" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Dienstverhinderung" topic: dienstverhinderung author: "Winkler/Radauer" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_sonstige_dienstverhinderungsgrunde_auf_arbeitnehme.pdf" text: ".lexis360/md/sonstige_dienstverhinderungsgrunde_auf_arbeitnehme.md" legal_bases: ["AngG § 8 Abs 3", "AngG § 8 Abs 3a", "AngG § 8 Abs 8", "AngG § 9a", "ABGB § 1154b Abs 5", "ABGB § 1154b Abs 6", "ABGB § 1154b Abs 7", "UrlG § 16", "EFZG § 4 Abs 4", "AngG § 27 Z 4", "GewO 1859 § 82 lit f", "AngG § 32", "ABGB § 1162c", "Katastrophenfondsgesetz § 3 Z 3 lit b", "GlBG § 12"] tags: [dienstverhinderung, entgeltfortzahlung, wichtiger-personlicher-grund, aliquotierung, auffangtatbestand, katastrophenhilfe, meldepflicht, fristenhemmung, diskriminierungsschutz] cross_refs: ["lb-dvh-01", "lb-dvh-02", "lb-dvh-04", "lb-pfl-01", "lb-pfl-02", "lb-krs-03", "lb-krs-08", "lb-url-06", "lb-glb-07"] --- # Sonstige Dienstverhinderungsgründe auf Arbeitnehmerseite *Lexis Briefings Personalrecht, Winkler/Radauer, Stand Juli 2026 (lb-dvh-03).* ## Zusammenfassung - **Tatbestand (§ 8 Abs 3 AngG bzw § 1154b Abs 5 ABGB):** Der Arbeitnehmer behält seinen Entgeltanspruch, wenn er durch **andere wichtige seine Person betreffende Gründe**, **ohne sein Verschulden**, **für verhältnismäßig kurze Zeit** an der Arbeitsleistung verhindert ist. Die KV-Aufzählungen der typischen Fälle (eigene Eheschließung, Eheschließungen naher Angehöriger, Todesfälle, Begräbnisse, Niederkunft, Wohnungswechsel, Arztbesuche) sind in allen Fällen — seit 1. 7. 2018 auch bei Arbeitern — **nur beispielhaft**; die Fallliste im Detail → lb-dvh-01. - **Wichtige persönliche Gründe:** in der Person des Arbeitnehmers entstanden oder von außen treffend; hemmend wirken auch rechtliche oder sittliche Verpflichtungen. Voraussetzung ist, dass der Arbeitnehmer überhaupt am Dienst gehindert ist (Hochzeit der Tochter an einem arbeitsfreien Samstag ⇒ kein „Sonderurlaubstag"). Der Arbeitnehmer muss Dienstverhinderungen nach Möglichkeit vermeiden (zB Arzttermine in die Freizeit, soweit Ordinationszeiten und gesundheitliche Beschwerden das zulassen — die **freie Arztwahl** bleibt unberührt). - **„Verhältnismäßig kurze Zeit":** die hM geht von einem Anspruch bis zur **Dauer von einer Woche** aus, in begründeten Einzelfällen auch länger. Bei länger dauernder Verhinderung besteht der Anspruch trotzdem — es wird schlicht nur für einen kürzeren Zeitraum Entgelt fortgezahlt. - **Aliquotierung bei Teilzeit:** bei nach Tagen bemessenen Kontingenten ohne ausdrückliche KV-Regelung aliquotiert die hL: **Zahl der regelmäßig geleisteten Wochenarbeitstage / 5 × Freistellungsanspruch in Tagen**, Aufrundung auf ganze Tage (sofern der Anspruch in Tagen und nicht in Stunden bemessen ist). - **Ohne Verschulden:** **leichte Fahrlässigkeit genügt** für den Ausschluss — dem Arbeitnehmer, der die notwendige Sorgfalt missen lässt. Aus objektiver ex-ante-Betrachtung sind alle zumutbaren Vorkehrungen für das pünktliche Erscheinen zu treffen (Spielraum für Verkehrsstaus beim privaten Pkw; bei öffentlichen Verkehrsmitteln mit Fahrplan werden schon **nicht ganz geringfügige Verspätungen** anerkannt). Bei Teilzeitbeschäftigten darf die Verlagerungs-Pflicht nicht überstrapaziert werden (Diskriminierungsverbot). - **Auffangtatbestand:** Der Anspruch greift nur, wenn nicht ohnehin Entgeltfortzahlung aus anderen Gründen (zB Krankheit → lb-krs-08) besteht. Zur Pflegefreistellung (§ 16 UrlG): nach hA werden § 8 Abs 3 AngG/§ 1154b ABGB **nicht verdrängt**; keine Kumulation für denselben Anlassfall (→ lb-pfl-01). - **Katastrophenhelfer-Sonderregelung (§ 8 Abs 3a AngG / § 1154b Abs 6 ABGB):** Rechtsanspruch auf Entgeltfortzahlung für Einsätze bei einem Großschadensereignis nach § 3 Z 3 lit b Katastrophenfondsgesetz oder als Bergrettungsdienst-Mitglied (Definition → lb-dvh-01); Ausmaß und Lage der Dienstfreistellung sind mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren; der Arbeitgeber erhält eine Prämie aus dem Katastrophenfonds. - **Melde- und Nachweispflichten:** Die Arbeitsverhinderung ist **unmittelbar bekannt zu geben**; bei Vorhersehbarkeit rechtzeitige Information. Auf Verlangen ist eine Bestätigung vorzulegen, die an **keine bestimmte Form** gebunden ist; ein spezieller Nachweis geht zu Lasten des Arbeitgebers. Verletzung: Entgeltverlust **für die Dauer der Säumnis** (§ 8 Abs 8 AngG, § 4 Abs 4 EFZG) — keine weiteren Sanktionen, die rechtmäßige Abwesenheit wird nicht zum pflichtwidrigen Dienstversäumnis. Ergeht gleichwohl eine Entlassung wegen pflichtwidriger Abwesenheit (§ 27 Z 4 AngG, § 82 lit f GewO 1859), kann ein **Mitverschulden** des Arbeitnehmers entlassungsabhängige Ansprüche kürzen oder (im Extremfall) beseitigen (§ 32 AngG, § 1162c ABGB). - **Diskriminierungsschutz:** Bei Diskriminierung im Zusammenhang mit Freistellungen nach § 8 Abs 3 AngG/§ 1154b Abs 5 ABGB (dringende familiäre Dienstverhinderungsgründe, Erkrankung/Unfall mit unmittelbarem Anwesenheitserfordernis) gelten die Rechtsfolgen des **§ 12 GlBG** — auch ohne Diskriminierungsgrund Geschlecht. - **Fristenhemmung:** Laufende gesetzliche, kollektivvertragliche und vertragliche Verjährungs- und Verfallsfristen für Ansprüche aus dem Dienstverhältnis, die bei Beginn der Dienstverhinderung wegen Krankheit/Unfall eines nahen Angehörigen bereits erworben wurden, bleiben bis zum Ablauf von **zwei Wochen nach Ende** der Dienstverhinderung **gehemmt** (§ 9a AngG, § 1154b Abs 7 ABGB; Regelung mit 1. 11. 2023 neu geschaffen, anzuwenden auf Dienstverhinderungen ab diesem Tag). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Frist | Detail | |---|---| | Rechtsgrundlage | § 8 Abs 3 AngG bzw § 1154b Abs 5 ABGB | | „Verhältnismäßig kurze Zeit" | hM: Entgeltfortzahlung bis **1 Woche**, in begründeten Einzelfällen länger; bei längerer Verhinderung Zahlung nur für den kürzeren Zeitraum | | Aliquotierung Teilzeit | Wochenarbeitstage/5 × Anspruch in Tagen, **Aufrundung auf ganze Tage** (hL; wenn Anspruch in Tagen bemessen); bei weniger als 5 Arbeitstagen mit ausdrücklicher KV-Regelung: nach dieser | | Verschuldensmaß | **leichte Fahrlässigkeit genügt** zum Ausschluss; objektive ex-ante-Betrachtung, Vorsorge-/Vermeidepflichten | | Öffentliche Verkehrsmittel | schon **nicht ganz geringfügige Verspätungen** anerkannt; beim privaten Pkw Spielraum für übliche Staus einplanen | | Mitteilung | **unmittelbar** (bei Vorhersehbarkeit rechtzeitig vorher); Bestätigung formfrei; spezieller Nachweis auf Kosten des Arbeitgebers | | Sanktion bei Verletzung | Entgeltverlust für die **Dauer der Säumnis** (§ 8 Abs 8 AngG, § 4 Abs 4 EFZG); sonst keine Sanktionen | | Mitverschulden bei ungerechtfertigter Entlassung | Kürzung bis gänzlicher Entfall entlassungsabhängiger Ansprüche (§ 32 AngG, § 1162c ABGB) | | Kumulation mit § 16 UrlG | keine Kumulation für denselben Anlassfall (hM); § 8 Abs 3/§ 1154b bleiben neben § 16 UrlG anwendbar (hA) | | Katastrophenhelfer | § 8 Abs 3a AngG/§ 1154b Abs 6 ABGB; Großschadensereignis (§ 3 Z 3 lit b Katastrophenfondsgesetz); Vereinbarung von Ausmaß/Lage; AG-Prämie aus dem Katastrophenfonds | | Diskriminierungsschutz | GlBG mit Rechtsfolgen nach § 12 GlBG, auch ohne Diskriminierungsgrund Geschlecht | | Fristenhemmung | **2 Wochen** nach Ende der Dienstverhinderung (§ 9a AngG, § 1154b Abs 7 ABGB); für Dienstverhinderungen ab **1. 11. 2023** | ## Rechtsgrundlagen - **§ 8 Abs 3 AngG / § 1154b Abs 5 ABGB** — Tatbestand; **§ 8 Abs 3a AngG / § 1154b Abs 6 ABGB** — Katastrophenhelfer; **§ 9a AngG / § 1154b Abs 7 ABGB** — Fristenhemmung (neu per 1. 11. 2023, im Quelltext ohne BGBl-Nennung ⚠ RIS). - **§ 8 Abs 8 AngG / § 4 Abs 4 EFZG** — Sanktion der Säumnis; **§ 27 Z 4 AngG / § 82 lit f GewO 1859** — Entlassungsgrund pflichtwidrige Abwesenheit; **§ 32 AngG / § 1162c ABGB** — Mitverschulden. - **§ 16 UrlG** — Pflegefreistellung als Parallelanspruch ohne Verdrängung, aber ohne Kumulation (→ lb-pfl-01/02). - **§ 12 GlBG** — Rechtsfolgen bei Diskriminierung (Gleichbehandlungs- gesetz ausdrücklich genannt). ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Bezahlter Abwesenheitstyp „sonstige Dienstverhinderung"**: Grund und Zeitraum erfassen; KV-Kontingente (Tage/Stunden) versioniert aus dem KV-Framework, Verbauchs-Tracking pro Arbeitsjahr. - **Aliquotierung:** Berechnungshilfe Wochenarbeitstage/5 mit Tagesaufrundung aus der Work-Entry-Verteilung (Teilzeit). - **Säumnis-Sanktion:** bei verspäteter Meldung Entgeltverlust nur für die Säumnisdauer — als Ausnahme-Zustand am Abwesenheitssatz, nicht als Kürzung des Gesamtsatzes. - **Katastrophenhelfer:** eigene bezahlte Verhinderungsart mit Vereinbarungsbeleg (Ausmaß/Lage) führen; Katastrophenfonds-Prämie = Erstattung an den Arbeitgeber, kein Entgeltbestandteil. - **Fristenhemmung:** Verjährungs-/Verfallsfristen-Engine (Ansprüche aus dem Dienstverhältnis) muss die 2-Wochen-Hemmung nach Dienstverhinderung wegen Krankheit/Unfall eines nahen Angehörigen unterstützen (Stichtag- Logik ab 1. 11. 2023). ## Verweise - **KB-intern:** lb-dvh-01 (ABC der Dienstverhinderungsgründe — Breadcrumb-Verweis der Quelle) · lb-dvh-02 (Dienstverhinderungsgründe auf Arbeitgeberseite — Abgrenzung AG-/AN-Sphäre) · lb-dvh-04 (Streik — streikferne Arbeitnehmer) · lb-pfl-01 (Pflegefreistellung — § 16 UrlG ohne Verdrängung, ohne Kumulation) · lb-pfl-02 (zweite Woche für Kinder unter 12 Jahren — subsidiär zu § 8 Abs 3 AngG/§ 1154b Abs 5 ABGB) · lb-krs-03 (Mitteilungs- und Nachweispflichten im Krankenstand — parallele §-8-Abs-8/§-4-Abs-4-Mechanik) · lb-krs-08 (Entgeltfortzahlung im Krankenstand — Auffangtatbestand greift bei Krankheit nicht) · lb-url-06 (Urlaub und Arbeitsverhinderung) · lb-glb-07 (Rechtsfolgen der GlBG-Verletzung) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` - *Hinweis:* Das im Quelltext angekündigte Muster zur Anzeige der Arbeitsverhinderung ist im Export nicht enthalten — nicht rekonstruiert.