--- id: lb-brt-21 batch: 8 title: "Freistellung von Betriebsratsmitgliedern" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Betriebsrat & Betriebsvereinbarungen" topic: betriebsrat author: "Sabara" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_freistellung_von_betriebsratsmitgliedern.pdf" text: ".lexis360/md/freistellung_von_betriebsratsmitgliedern.md" legal_bases: ["ArbVG § 115", "ArbVG § 116", "ArbVG § 117", "ArbVG § 160 Abs 2 Z 2", "BRGO § 32a"] tags: [freistellung, betriebsratsmitglied, ausfallsprinzip, entgeltfortzahlung, privilegierungsverbot, innerbetriebliche-karriere, betriebsrat] cross_refs: ["lb-brt-12", "lb-brt-17", "lb-brt-23", "lb-url-16"] --- # Freistellung von Betriebsratsmitgliedern *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara, Stand Juli 2026 (lb-brt-21).* ## Zusammenfassung - **Anspruch (§ 117 ArbVG):** Auf **Antrag des Betriebsrats** sind in Betrieben mit **mehr als 150 Arbeitnehmern** ein Betriebsratsmitglied, bei mehr als 700 zwei, bei mehr als 3000 drei und je weitere 3000 Arbeitnehmer ein weiteres Mitglied **dauernd** von der Arbeitsleistung **unter Fortzahlung des Entgelts** freizustellen (im Unterschied zur Freizeitgewährung). Bei getrennten Betriebsräten gelten die Zahlen je Arbeitnehmergruppe. Die Beschäftigtenzahl muss **dauernd** überschritten werden; vorübergehende Schwankungen begründen den Anspruch nicht und lassen ihn nicht erlöschen — der Anspruch geht verloren, wenn die Zahl **mehrere Monate** unterschritten wird (wie viele: weder Gesetz noch eindeutige Rechtsprechung). - **Verfahren (§ 32a BRGO):** Der Betriebsrat beantragt **schriftlich** mit Angabe der Namen; **Auswahl und Reihung** liegen allein in seinem freien Ermessen. Die Freistellung wird mit **Zugang des Antrags** rechtswirksam — das **Einverständnis des Betriebsinhabers ist nicht erforderlich**, ein betriebliches Interesse ist unerheblich. **Abberufung** durch Beschluss des Betriebsrats jederzeit möglich (zB bei längerer Krankheit), schriftlich, Ersatzbestellung oder Verzicht möglich. Ende außerdem mit **Verlust der Betriebsratsmitgliedschaft**, schriftlichem **Verzicht** auf die Freistellung oder **dauerhaftem Unterschreiten** der Schwellen. Verweigerung der Freistellung ist nach **§ 160 Abs 2 Z 2 ArbVG** verwaltungsstrafbar (Geldstrafe bis **€ 2.180,–**, Privatanklage des Betriebsrats). - **Nicht vorgesehene Gestaltungen:** Teilfreistellungen (zB zwei Vollzeitkräfte teilen sich eine Freistellungsposition) oder Freistellung nur teilzeitbeschäftigter Betriebsratsmitglieder sieht das ArbVG **nicht vor** — rechtlich unverbindliche Gestaltungen sind bei beiderseitigem Wunsch tolerierbar (die einzig zulässige Totalfreistellung bleibt beantragt; freiwillige Arbeitsleistung jederzeit ohne Grund einstellbar). Eine über die gesetzliche Zahl hinausgehende Gewerkschafts-Freistellung „analog § 117" ist **unzulässig** und **absolut nichtig** (verpönte Besserstellung, 9 ObA 133/12t). - **Wirkungen der Freistellung:** Die **Arbeitspflicht ruht im gesamten Umfang**; übrige Pflichten bleiben aufrecht (Meldung von Urlaub und Krankenstand, arbeitsvertragliche Treuepflicht, Konkurrenzverbot). Kein Abmelde-Erfordernis, kein Kontrollrecht des Betriebsinhabers bzgl Arbeitsversäumnis; freiwillig erbrachte Arbeit begründet keine Arbeitspflicht. Ansprüche auf **Urlaub** und auf **Urlaubsersatzleistung bei Beendigung** bestehen. Nutzt das Mitglied die Freistellung nicht betriebsrätlich, kann nur der Betriebsrat Konsequenzen ziehen (Abberufung, Verzicht auf Nachbesetzung). Nicht freigestellte Betriebsratsmitglieder dürfen während der Arbeit betriebsrätlich tätig werden (→ lb-brt-23). - **Entgelthöhe — Ausfallsprinzip:** Maßgeblich ist der **mutmaßliche Verdienst** ohne Freistellung, einschließlich variabler/leistungsbezogener Bestandteile (Überstundenentgelt, Umsatz-/Erfolgsbeteiligungen, Akkordprämien, Bonifikationen, Überstundenpauschalen, All-Inclusive-Einkommen, Zulagen zB SEG-Zulagen, Provisionen). Variable Bestandteile entfallen, wenn ihre Voraussetzungen wegfallen (zB Wegfall/erhebliche Verringerung der Überstunden); ein infolge teilweiser Freistellung gesunkenes **Provisionseinkommen** ist nach dem Ausfallsprinzip zu ersetzen. Ohne Rechtsgrund gewährte **Funktionszulagen** können entzogen werden; als Überstundenpauschale deklarierte Zulagen sind an einer tatsächlichen durchschnittlichen Überstundenleistung zu messen. - **Privilegierungsverbot (§ 115 ArbVG):** Überhöhtes Entgelt für die Betriebsratstätigkeit verletzt das Verbot der Besserstellung — die Vereinbarung ist **absolut nichtig**, gezahlte Beträge können auch **rückwirkend zurückgefordert** werden (Verjährungsfrist: **3 Jahre**). - **Unterschied zur Freizeitgewährung (§ 116):** Beide folgen dem **Ausfallsprinzip**; bei der Freistellung nach § 117 ist zusätzlich die **innerbetriebliche Karriere** zu berücksichtigen: fingierter „Durchschnittskarriere"-Verlauf anhand einer **objektiven Vergleichsperson** (vergleichbare Position), kontinuierliche Anpassung, Bevorzugungs- und Benachteiligungsverbot. Grenzfall aus der Rechtsprechung: Nur 2,5 % vergleichbarer Arbeitnehmer erreichen die fingierte Position und das Mitglied absolvierte keine Weiterbildungen/Dienstprüfung → kein ergänzender Gehaltsanspruch. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Schwellenwerte | **> 150 AN** = 1 Mitglied · **> 700 AN** = 2 · **> 3000 AN** = 3 · je weitere **3000 AN** +1 (je Gruppe bei getrennten Betriebsräten) (Stand 2026-07) ✅ | | Dauerhaftigkeit | Schwellen **dauernd**; vorübergehende Schwankungen unbeachtlich; Verlust bei Unterschreiten über **mehrere Monate** (Monatszahl nicht präzisiert) ✅ | | Wirksamwerden | mit **Zugang des schriftlichen Antrags**; Einverständnis des Betriebsinhabers **nicht** erforderlich (§ 32a BRGO) ✅ | | Strafe bei Verweigerung | **€ 2.180,–** (§ 160 Abs 2 Z 2 ArbVG, Stand 2026-07); Privatanklage des Betriebsrats ✅ | | Pflichtenlage | Arbeitspflicht ruht; Urlaubs-/Krankenstandsmeldung, Treuepflicht, Konkurrenzverbot bleiben; Anspruch auf Urlaub und Urlaubsersatzleistung ✅ | | Entgelt | **Ausfallsprinzip** inkl variable Bestandteile (Überstunden, Beteiligungen, Prämien, Provisionen, Zulagen); Wegfall der Bezugsgrundlagen → Wegfall ✅ | | Rückforderung | Verstoß gegen Privilegierungsverbot (§ 115 ArbVG) → absolute Nichtigkeit; Rückforderung auch für die Vergangenheit, **3-jährige** Verjährung (Stand 2026-07) ✅ | | Karrierewirkung | nur bei § 117-Freistellung: fingierte **Durchschnittskarriere** nach objektiver Vergleichsperson ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 117 ArbVG** (Anspruch auf gänzliche Freistellung nach Betriebsgröße) — ausdrücklich zitiert ✅ - **§ 115 ArbVG** (Privilegierungsverbot; Besserstellungsverbot) und **§ 116 ArbVG** (Freizeitgewährung; Abgrenzung) — zitiert ✅ - **§ 160 Abs 2 Z 2 ArbVG** (Verwaltungsstrafe bei Verweigerung der Freistellung) — zitiert ✅ - **§ 32a BRGO** (Antrags-/Abberufungsverfahren) — zitiert ✅ - Rechtsprechung im Briefing ua: 9 ObA 133/12t (Nichtigkeit der Mehrfach-Freistellung) · 8 ObA 219/95 · 8 ObA 20/08m (Urlaub/Urlaubsersatz) · 9 ObA 1/91 (Provisionsausfall) · 9 ObA 96/24v und 9 ObA 39/25p (Privilegierungsverbot/Rückforderung) · 9 ObA 10/21t, 9 ObA 40/22f, 9 ObA 53/24w (Durchschnittskarriere) — als Belege genannt ✅ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Freistellung als Vertragszustand:** In Odoo 19 als eigener Status/eigene Arbeitzeitregel am Mandatszeitraum abbilden — **keine Arbeitseinteilung** (keine Work Entries aus Dienstplan), aber **vollständige Entgeltfortzahlung**; An-/Abwesenheitstyp „Freistellung (§ 117)" mit Entgeltfortzahlungs-Flag und Ruhen der Abmeldepflichten konfigurieren. - **Entgeltfortzahlung inkl variable Bestandteile:** Ausfallsprinzip erfordert die Fortzahlung von Überstundenpauschalen, Zulagen, Provisionen und Beteiligungen — in der Abrechnung als Pseudo-Bestandteile fortführen; Wegfall der Bezugsgrundlagen (zB keine Überstunden mehr) muss dokumentiert reduzierbar sein (⚠ Einzelfall- Berechnung, keine Standardautomatik). - **Fingierte Karriere:** Die Anpassung an eine Vergleichsperson ist eine arbeitsrechtliche Einzelfallbetrachtung — keine Automatik; Stufenaufstiege ggf über manuelle Entgeltgruppen-Anpassungen (`hr.rule.parameter`), dokumentiert mit Vergleichsbasis. - **Rückforderung:** Überzahlungen aus privilegierungs­widrigen Zulagen über die Odoo-Überzahlungslogik stornieren; **3-Jahres-Verjährung** beachten; SV-BG korrigieren (Beitragsgrundlage entfällt rückwirkend). - **Urlaub/Urlaubsersatzleistung:** Freigestellte scheiden mit regulärer Urlaubsablöse aus (→ lb-url-16); Entgeltbasis dafür ist das fortgezahlte Entgelt. ## Verweise - **KB-intern:** lb-brt-12 (Betriebsratsmitglied - Grundsätze der Mandatsausübung) · lb-brt-17 (Bildungsfreistellung von Betriebsratsmitgliedern) · lb-brt-23 (Freizeitgewährung für Betriebsratsmitglieder; Unterschiede bei der Entgeltfortzahlung) · lb-url-16 (Urlaubsersatzleistung - Arbeitsrecht) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Betriebsverfassungsrecht als Rahmen, unabhängig vom GemBG-Regime)