--- id: lb-lvr-02 batch: 4 title: "Darlehen und Vorschüsse des Arbeitgebers" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Entgelt: Anspruch & Abrechnung" topic: lohnverrechnung author: "Posch/Haas" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_darlehen_und_vorschusse_des_arbeitgebers.pdf" text: ".lexis360/md/darlehen_und_vorschusse_des_arbeitgebers.md" legal_bases: ["EStG § 78 Abs 1", "EStG § 3 Abs 1 Z 20", "EStG § 67 Abs 10", "ASVG § 49 Abs 1", "ASVG § 49 Abs 3 Z 19", "Sachbezugswerte-VO § 5", "BMSVG"] tags: [darlehen, vorschuss, sachbezug, zinsersparnis, freibetrag, referenzzinssatz] cross_refs: ["lb-end-06", "lb-end-25", "lb-lvr-01", "lb-pfa-12", "lb-sac-13"] --- # Darlehen und Vorschüsse des Arbeitgebers *Lexis Briefings Personalrecht, Posch/Haas, Stand Juli 2026 (lb-lvr-02).* ## Zusammenfassung - **Begriffsabgrenzung:** Ein **Vorschuss** ist Entgelt, das zum Auszahlungszeitpunkt noch nicht fällig ist; ein **Darlehen** ist ein unabhängig vom künftigen Entgeltanspruch ausbezahlter Betrag mit vertraglicher Rückzahlungspflicht. Die Bezeichnung durch die Parteien ist unerheblich — die tatsächlichen Verhältnisse entscheiden. - **Lohnsteuer (§ 78 Abs 1 EStG, Zuflussprinzip):** Vorschüsse sind Lohnzahlungen. Wird der Vorschuss unmittelbar im Folgemonat zur Gänze gegengerechnet, ist er im Monat der Auszahlung als Arbeitslohn zu besteuern; wird er erst gegen weiter in der Zukunft liegende Ansprüche verrechnet, hat er **Darlehenscharakter** und wird erst bei Entstehung des Entgeltanspruchs besteuert. - **Sozialversicherung:** Beiträge zum Vorschuss erst im Beitragszeitraum des Anspruchs (Folgemonat). Ein „Gehaltsakonto" (Akontierung in ungefährer Höhe) ist bereits echtes Entgelt im Monat der Zahlung; nach Feststehen der Bezüge ist die Beitragsgrundlage zu berichtigen und Differenzbeiträge nachzuentrichten. DB, DZ und Kommunalsteuer sind im Monat der Leistung zu entrichten, BMSVG-Beiträge im Folgemonat mit den SV-Beiträgen. - **Zinsersparnis als Sachbezug:** Bis € 7.300 (§ 3 Abs 1 Z 20 EStG) kein Sachbezug; darüber nur vom übersteigenden aushaftenden Kapital, als sonstiger Bezug nach § 67 Abs 10 EStG (laufender Tarif), unabhängig vom Abrechnungsintervall. SV-rechtlich laufendes Entgelt nach § 49 Abs 1 ASVG, bis € 7.300 beitragsfrei (§ 49 Abs 3 Z 19 ASVG). - **Bewertung ab 1. 1. 2024 (§ 5 Sachbezugswerte-VO):** variabel verzinsliche Darlehen unverändert (FINDOK-Referenzzinssatz abzüglich vereinbartem Zins); **fixe/unverzinsliche** Darlehen nach neuem Recht: OeNB-Kreditzinssatz (Wohnbau, anfängliche Zinsbindung über 10 Jahre) des Abschlussmonats, um 10 Prozent vermindert, Differenz zum Sollzinssatz — für die gesamte Rückzahlungsdauer. Gemischt verzinslich: Fixzins-Perioden nach Fixregel; Umstellung variabel → fix gilt als neuer Darlehensvertrag. Altfälle (Verträge vor 1. 1. 2024): zinslos 4,5 % Sachbezug vom offenen Betrag; Arbeitnehmer konnte der neuen Rechtslage bis 30. 6. 2024 widersprechen. - **Beendigung:** Die Vorschussrückzahlung wird jedenfalls im Zeitpunkt der Beendigung fällig; eine globale Bereinigungsklausel in der Auflösungsvereinbarung kann den Vorschuss aber miterfassen. Beim Darlehen hat die Beendigung keine Wirkung (Rückzahlung nach Vereinbarung) — aber: EuGH C-590/17 (*Poutin und Dijoux*): Klauseln über vorzeitige volle Fälligkeit bei Dienstverhältnis-Ende sind missbräuchlich (Darlehensvertrag ist nicht Teil des Arbeitsvertrags). - **Lohnpfändung:** Gewährung auch bei anhängigen Pfändungen möglich, aber die Rückverrechnung des Vorschusses ist gegenüber allen im Zeitpunkt der Gewährung bestehenden Pfändungen **nachrangig**. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Freibetrag (§ 3 Abs 1 Z 20 EStG) | **€ 7.300** (Stand 2026-07); Sachbezug nur vom übersteigenden Betrag; bis € 7.300 auch sv-beitragsfrei (§ 49 Abs 3 Z 19 ASVG) | | Referenzzinssatz variabel verzinslich (§ 5 Abs 2 SBeV) | in der FINDOK bis spätestens 30. 11. verlautbart: **4,5 %** für 2024 und 2025, **3 %** für 2026 (Stand 2026-07) | | Referenzzins fix/unverzinslich (§ 5 Abs 3 SBeV) | OeNB-Kreditzinssatz „Wohnbau, anfängliche Zinsbindung über 10 Jahre" des **Abschlussmonats** minus **10 Prozent**, gilt für die gesamte Rückzahlungsdauer; Beispiel August 2023: 3,15 % → **2,84 %** (Stand 2026-07) | | Altfälle vor 1. 1. 2024 | zinslos: Sachbezug **4,5 %** des offenen Betrags; verrechnete Zinsen kürzen den Sachbezug; Widerspruch gegen neue Rechtslage war bis **30. 6. 2024** möglich (Stand 2026-07) | | Zinsersparnis, Abrechnung | sonstiger Bezug nach § 67 Abs 10 EStG (laufender Tarif); SV: laufendes Entgelt nach § 49 Abs 1 ASVG | | Fremdwährungsdarlehen | Zinsvorteil **individuell** zu ermitteln, kein Pauschalwert aus der SBeV (Stand 2026-07) | | EuGH | C-590/17, *Poutin und Dijoux* (21. 3. 2019): vorzeitige Fälligkeitsklauseln bei Beendigung missbräuchlich | ## Rechtsgrundlagen - **§ 78 Abs 1 EStG** — Lohnsteuer-Einbehalt bei jeder Lohnzahlung (Zuflussprinzip), Vorschüsse inklusive; **§ 3 Abs 1 Z 20 EStG** — Freibetrag für Arbeitgeberdarlehen/Gehaltsvorschüsse; **§ 67 Abs 10 EStG** — Besteuerung der Zinsersparnis zum laufenden Tarif (✅ im Quelltext zitiert). - **§ 49 Abs 1 ASVG** (laufendes Entgelt) und **§ 49 Abs 3 Z 19 ASVG** (Beitragsfreiheit bis € 7.300) (✅). - **§ 5 Sachbezugswerte-VO** — Abs 2 (variabel), Abs 3 (fix; Z 1 Abschlussmonat) und Abs 4 (ab 1. 1. 2024: Raten und Laufzeit ohne Einfluss, Bewertung vom aushaftenden Kapital, Freibetrag) (✅). - **BMSVG** — Beiträge an die Betriebliche Vorsorgekasse im Folgemonat (✅). Querverweise des Quelltexts: LStR 2002 Rz 632f, 204 ff. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Abrechnungsobjekte:** Vorschuss (Abzugszeile im Folgemonat) und Darlehen (Vertragsobjekt mit Ratenplan, aushaftendem Kapital, Sollzins, fix/variabel, Abschlussmonat) getrennt führen; die lohnsteuerliche Zuordnung (Zufluss vs. Anspruchszeitpunkt) und das SV-Timing (Beiträge erst im Anspruchsmonat) aus dem Vertrag ableiten. - **Sachbezugslauf Zinsersparnis:** monatliche Bewertung vom aushaftenden Kapital; die Referenzzinssätze (4,5 %/3 %, variable Referenz) als versionierte Jahreswerte führen (`hr.rule.parameter`), den fixen Satz je Vertrag **eingefroren** vom Abschlussmonat — niemals hard-coden. Altfall-Flag (Widerspruch bis 30. 6. 2024) und Fremdwährungsdarlehen als Sonderfälle. - **Gehaltsakonto:** ungefähre Akontierung ist laufender Bezug im Zahlungsmonat; die spätere Berichtigung mit Differenzbeiträgen läuft über die Abrechnungskorrektur-Mechanik des Projekts. - **Beendigungsabrechnung:** offene Vorschüsse automatisch fällig stellen; offene Darlehensraten wegen EuGH C-590/17 **nicht** automatisch als vollständig fällig behandeln — stattdessen Aufrechnungsvereinbarung mit Gehaltsabzug gesondert vereinbaren (→ lb-lvr-01). Rückverrechnung nachrangig zu Pfändungen (→ lb-pfa-12). ## Verweise - **KB-intern:** lb-end-06 (Aufrechnung mit noch offenen Vorschüssen bei Beendigung) · lb-end-25 (Rückzahlung von Darlehen) · lb-sac-13 (Sachbezug — Gehaltsvorschuss und Arbeitgeberdarlehen; vom Quelltext ausdrücklich mit Rechenbeispiel verlinkt) · lb-pfa-12 (Vorschüsse und Nachzahlungen in der Lohnpfändung; Quellverweis) · lb-lvr-01 (Aufrechnung im aufrechten Dienstverhältnis) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md`. - *Hinweis:* Die Verweisstelle „Rückzahlung von Darlehen“ führt auf ein Briefing, das **mit Batch 8 im Korpus** ist (lb-end-25; dazu lb-end-06 zur Aufrechnung offener Vorschüsse bei Beendigung); die „Mustervereinbarung: Darlehen/Vorschüsse“ ist weiterhin nicht im KB-Korpus (Lexis-Arbeitshilfe), die Verweisstelle zur Altfall-Widerspruchsregel bleibt im Volltext unvollständig — nicht rekonstruiert.