--- id: lb-azm-03 batch: 5 title: "Gleitzeit" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Arbeitszeit" topic: arbeitszeitmodelle author: "Niederfriniger/David" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_gleitzeit.pdf" text: ".lexis360/md/gleitzeit.md" legal_bases: ["AZG §§ 3, 4, 4b, 6, 9, 19d", "KJBG § 11", "MSchG § 8", "ABGB § 1154b"] tags: [gleitzeit, gleitzeitkonto, zeitguthaben, durchrechnung, ueberstunden, teilzeit] cross_refs: ["lb-azg-01", "lb-azg-03", "lb-zus-02", "lb-zus-03", "lb-tzb-03", "lb-tzb-04"] --- # Gleitzeit *Lexis Briefings Personalrecht, Niederfriniger/David, Stand Juli 2026 (lb-azm-03).* ## Zusammenfassung - **Definition (§ 4b Abs 1 AZG):** Gleitende Arbeitszeit liegt vor, wenn der Arbeitnehmer innerhalb eines vereinbarten zeitlichen Rahmens (**Gleitzeitrahmen**) Beginn und Ende seiner täglichen Normalarbeitszeit selbst bestimmen kann („Zeitsouveränität"). Sie ist eine Form der **Arbeitszeitdurchrechnung**: Tages- und Wochen-NAZ variabel, am Ende der **Gleitzeitperiode** ist im Durchschnitt die vereinbarte Arbeitszeit („Soll-Zeit") zu erreichen; Zeitguthaben/-schulden laufen auf einem eigenen **Gleitzeitkonto**. Abgrenzung zur Durchrechnung nach § 4 Abs 4 und 6 AZG: dort sind Beginn und Ende der Normalarbeitszeit vorgegeben. - **Vereinbarung (§ 4b Abs 2 AZG):** Mit Betriebsrat zwingend als Betriebsvereinbarung (notwendige BV mit Zwangsschlichtung), ohne Betriebsrat als schriftliche Einzelvereinbarung. Teilzeitbeschäftigte können teilnehmen; ihre fiktive Normalarbeitszeit ist an die vereinbarte Arbeitszeit anzupassen (sinnvoll auch bei Gleitzeitrahmen, Übertragungs- und Kernzeitregelung). - **Mindestinhalte (§ 4b Abs 3 AZG):** Dauer und Lage der Gleitzeitperiode (Praxis zwischen einem Monat und einem Jahr), Gleitzeitrahmen, Höchstausmaß allfälliger Übertragung von Zeitguthaben/-schulden in die nächste Periode (Praxis: Guthaben meist ein- bis zweifaches der Wochen-NAZ, Schulden niedriger), Dauer und Lage der **fiktiven Normalarbeitszeit** (Basis der Soll-Zeit und der Entgeltfortzahlung bei gerechtfertigter Abwesenheit). Fehlt ein Element, ist die Vereinbarung **unwirksam** und es gelten die Grenzen des § 3 Abs 1 AZG. - **Typische weitere Inhalte:** Kernzeit („Blockzeit"), herabgesetzte Grenzen, „Ampelkontomodelle" (zB Ansparstopp, einseitig angeordneter Zeitausgleich), **Kappungsklauseln** (eng auszulegen: Verkappung nur bei Nichtbefolgung der Ausgleichsanweisung und nicht erforderlichen Gutstunden), Abzug von Minusstunden vom Entgelt (**unzulässig**, wenn die Zeitschulden auf mangelnder Arbeitsauslastung beruhen), Öffnungsklauseln, Aussetzungs-/Aufhebungsvorbehalte. - **Grenzen (§ 4b Abs 4 AZG):** Tages-NAZ grundsätzlich max. 10 Stunden; bis 12 Stunden nur, wenn die Vereinbarung ganztägigen Zeitausgleich und den Verbrauch von Zeitguthaben auch iZm einer wöchentlichen Ruhezeit vorsieht (Ziel: Vier-Tage-Woche). Wochen-NAZ max. 60 Stunden (§ 9 Abs 1 AZG); die 40-Stunden-Woche darf im Durchschnitt nur insoweit überschritten werden, als Übertragungsmöglichkeiten vorgesehen sind. Jugendliche 8 h/40 h (ausnahmsweise 9/45, § 11 KJBG); werdende und stillende Mütter max. 9 h/40 h und keine Überstunden (§ 8 MSchG); viele KVs setzen niedrigere Grenzen (häufig 10 h täglich). - **Überstunden/Mehrarbeit:** Am Periodenende fallen Überstunden an, soweit die Ø-Wochen-NAZ (40 h) ohne Übertragungsmöglichkeit überschritten wird (§ 6 Abs 1 Z 1, Abs 1a AZG; Teilzeit: Mehrarbeit nach § 19d Abs 3, Abs 3b Z 2 AZG). **Während** der Periode entstehen Überstunden bei Überschreiten der Tages-/Wochengrenzen (10/12 h; 60 h; Ø max. 48 h innerhalb eines 17-Wochen-Durchrechnungszeitraums), bei Arbeit außerhalb des Gleitzeitrahmens oder bei angeordneter Arbeit über 8 h/40 h (§ 4b Abs 5 AZG). Diese laufenden Überstunden dürfen **nicht** auf das Gleitzeitkonto verbucht werden, sind nicht übertragbar und sind mit Fälligkeit des laufenden Entgelts auszubezahlen (bzw. via Pauschale/All-in/ Zeitausgleich abzugelten). Teilzeit-Mehrarbeit ist nicht zuschlagspflichtig, solange die vereinbarte Arbeitszeit im Durchschnitt nicht überschritten wird. - **Entgeltfortzahlung:** bei gerechtfertigter Dienstabwesenheit (Krankenstand, Urlaub, Feiertagsruhe) nach der **fiktiven Normalarbeitszeit** der Gleitzeitvereinbarung (§ 1154b ABGB). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Gleitzeitperiode | Dauer/Lage vereinbarungspflichtig; Praxis **1 Monat–1 Jahr** (kein gesetzlicher Fixwert) | | Tägliche NAZ | max. **10 h**; **12 h** nur mit Vereinbarung von ganztägigem Zeitausgleich + Verbrauch auch iZm wöchentlicher Ruhezeit | | Wöchentliche NAZ | max. **60 h** Einzelwoche; **Ø 40 h** (bzw. KV-NAZ) nur insoweit übersteigbar, als Übertragungsmöglichkeiten bestehen | | Ø-Grenze im 17-Wochen-Durchrechnungszeitraum | **48 h** (ÜStd-Bemessung während der laufenden Periode lt. Quelle) | | Übertragungspraxis | Zeitguthaben meist **1–2× Wochen-NAZ**, Zeitschulden niedriger | | Unwirksamkeit | fehlt ein Mindestinhalt → Grenzen nach **§ 3 Abs 1 AZG** (8 ObS 9/20m) | | Jugendliche | **8 h/40 h**, ausnahmsweise 9/45 h (§ 11 Abs 1, 2a KJBG) | | Werdende/stillende Mütter | max. **9 h/40 h**, keine Überstunden (§ 8 MSchG) | | Laufende Überstunden | separate Konten, **nicht übertragbar**, Auszahlung mit Fälligkeit des laufenden Entgelts | | Entgeltfortzahlung | nach **fiktiver Normalarbeitszeit** (zB 08:00–16:30) | ## Rechtsgrundlagen - **§ 4b AZG** (Abs 1 Definition, Abs 2 Vereinbarung, Abs 3 Mindestinhalt, Abs 4 Grenzen, Abs 5 angeordnete Arbeit) — zentrale Norm; **§ 4 Abs 4 und 6 AZG** (Durchrechnung zur Abgrenzung), **§ 3 Abs 1 AZG** (Rückfallgrenzen), **§ 6 Abs 1 Z 1, Abs 1a AZG** (Überstunden), **§ 19d Abs 3, Abs 3b Z 2 AZG** (Mehrarbeit Teilzeit), **§ 9 Abs 1 AZG** (60-h-Wochengrenze). - **§ 1154b ABGB** (Entgeltfortzahlung; Fußnote der Quelle), **§ 11 KJBG**, **§ 8 MSchG** (Personengruppen-Grenzen). Rechtsprechung: 8 ObS 9/20m (Unwirksamkeit), 9 ObA 75/19y (Kappungsklauseln), 8 ObA 58/23x (Minuslohn), 9 ObA 1/22w (Übertragung/All-in). - ⚠ AZG-Werte noch nicht gegen RIS verifiziert (GP0-Rest); vor Implementierung der Konto-/Grenzwertlogik prüfen. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Gleitzeitkonto als Work-Entry-Kontenmechanik:** Ist-Einträge gegen Soll-Zeit aus Kalender/Version verbuchen; Periodenende-Saldoausgleich mit Übertragungslimits je Vereinbarung (Ampel-/Kappungsregeln als Parameter, nicht als fixer Code). - **Getrennte Konten:** Während der Periode angefallene Überstunden fließen nicht ins Gleitzeitkonto — eigener Work-Entry-Type mit Auszahlungs-/Zeitausgleichslogik (Fälligkeit des laufenden Entgelts); Zuschläge/Pauschalen separat (→ lb-zus-02, lb-zus-03). - **Fiktive NAZ:** je Arbeitnehmer versionierte Bezugsgröße für Entgeltfortzahlung (Krankheit, Urlaub, Feiertag) — Abrechnung nach der fiktiven, nicht der Ist-Zeit. - **Überstunden-/Mehrarbeits-Detektion:** Ø-Prüfung je Gleitzeitperiode (Vollzeit 40 h; Teilzeit: vereinbarte AZ — Mehrarbeit ohne Zuschlag bei Ø-Einhaltung, → lb-tzb-03, lb-tzb-04) plus Tages-/Wochen- und Gleitzeitrahmen-Grenzen; 12-h-Variante nur mit den beiden Zusatzkriterien der Vereinbarung; KV-Grenzen (häufig 10 h) als versionierte Kalender-/Regelparameter führen. ## Verweise - **KB-intern:** lb-azg-01 (Arbeitszeit-Höchstgrenzen) · lb-azg-03 (Normalarbeitszeit) · lb-zus-02/lb-zus-03 (Mehrarbeitszuschläge — von der Quelle ausdrücklich referenziert) · lb-tzb-03/lb-tzb-04 (Teilzeit: Arbeitszeit, Mehrarbeit/Überstunden) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Überstunden-/Zuschlags-Abgabenlogik; AZG-Details ⚠ offen) - *Hinweis:* Die Quelle verweist auf Muster-Gleitzeit-BV/-Einzelvereinbarung und Ergänzungsvereinbarungen für Teilzeit (Lexis360-Arbeitshilfen, nicht im KB-Korpus).