--- id: lb-brt-29 batch: 8 title: "Notwendige Betriebsvereinbarung mit Zwangsschlichtung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Betriebsrat & Betriebsvereinbarungen" topic: betriebsrat author: "Sabara" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_notwendige_betriebsvereinbarung_mit_zwangsschlicht.pdf" text: ".lexis360/md/notwendige_betriebsvereinbarung_mit_zwangsschlicht.md" legal_bases: ["ArbVG § 96a", "ArbVG § 96a Abs 1 Z 1", "ArbVG § 96a Abs 2", "ArbVG § 32 Abs 2", "AZG § 26", "UrlG § 8"] tags: [notwendige-betriebsvereinbarung, zwangsschlichtung, personaldatensystem, mitarbeiterbeurteilung, videouberwachung, datenschutz] cross_refs: ["lb-brt-16", "lb-brt-19", "lb-brt-28", "lb-brt-30", "lb-brt-35"] --- # Notwendige Betriebsvereinbarung mit Zwangsschlichtung *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara, Stand Juli 2026 (lb-brt-29).* ## Zusammenfassung - **§ 96a ArbVG — Zustimmungspflicht mit Ersetzbarkeit:** Zwei Maßnahmenkategorien sind zu ihrer Rechtswirksamkeit an die Zustimmung des Betriebsrats gebunden, deren Verweigerung aber — anders als bei § 96 ArbVG — durch die **Entscheidung der Schlichtungsstelle** ersetzt werden kann (§ 96a Abs 2 ArbVG): 1. **Personaldatensysteme:** Einführung von Systemen zur **automationsunterstützten Ermittlung, Verarbeitung und Übermittlung personenbezogener Arbeitnehmerdaten**, soweit sie über allgemeine Angaben zur Person (Name, Geburtsdatum, Wohnadresse, Familienstand) und fachliche Voraussetzungen (Ausbildungen, Art und Dauer früherer Dienstverhältnisse) hinausgehen; 2. **Mitarbeiterbeurteilungssysteme**, soweit damit Daten erhoben werden, die durch die betriebliche Verwendung nicht gerechtfertigt sind (Interessenvergleich Persönlichkeitsrecht ↔ betriebliche Interessen; Beurteilung der konkreten Arbeitsleistung gerechtfertigt, Bewertung von Persönlichkeit/„soft skills" problematisch). - **Keine Zustimmung nötig**, soweit die tatsächliche oder vorgesehene Verwendung der Daten sich aus einer **gesetzlichen Verpflichtung** (zB **§ 26 AZG** Arbeitszeitaufzeichnungen, **§ 8 UrlG** Urlaubsaufzeichnungen), aus Normen der kollektiven Rechtsgestaltung oder aus dem **Arbeitsvertrag** ergibt. Maßgeblich ist der **Leistungsumfang des konkret eingesetzten Programmpakets** — die Beurteilung hat am gesamten installierten System zu erfolgen, dessen Grundlagen dem Betriebsrat **offenzulegen** sind. - **Videoüberwachung:** Geht mit ihr die Ermittlung personenbezogener Arbeitnehmerdaten einher, ist idR die Zustimmung des Betriebsrats und der Abschluss einer BV nach **§ 96a Abs 1 Z 1 ArbVG** notwendig — auch wenn nur Ein- und Ausgänge erfasst werden sollen und die Anlage primär dem Eigen- und Objektschutz dient. - **Wirkung der Nichtzustimmung:** Verfügt der Arbeitgeber die Maßnahme dennoch, kann der Betriebsrat — wie bei § 96 ArbVG — deren **Beseitigung** erwirken; der Arbeitnehmer muss sich an die Weisungen **nicht halten** und setzt dadurch **keinen Entlassungsgrund**; Feststellungs- und Rechtsgestaltungsklagen des Betriebsrats beim Arbeitsgericht bleiben möglich. **Einzelvereinbarungen** mit den Arbeitnehmern in § 96a-Angelegenheiten sind **unzulässig**. - **Zwangsschlichtung:** Bei Nichteinigung können **beide Betriebspartner** die Schlichtungsstelle anrufen; ihre Entscheidung entfaltet die **Rechtswirkungen einer Betriebsvereinbarung**. Vor der Entscheidung kann der Betriebsinhaber die beabsichtigten Maßnahmen **nicht durchführen**; auch eine einseitig gewünschte **Änderung oder Beendigung** geht nur über die Schlichtungsstelle. - **Beendigung:** Eine BV nach § 96a ArbVG ist **nicht kündbar** (§ 32 Abs 2 ArbVG) — generell sind BV, bei deren Nichtzustandekommen die Anrufung einer Schlichtungsstelle zulässig ist, unkündbar. **Einvernehmliche** (schriftliche) Auflösung ist möglich; auch **Befristung** ist zulässig (Beispiel: 12 Monate mit Verlängerungsautomatik bei Einspruchsvorbehalt 3 Monate vor Ablauf). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Zustimmungspflichtige Materien | automationsunterstützte Personaldatensysteme über Basisdaten hinaus; Mitarbeiterbeurteilungssysteme mit nicht gerechtfertigten Daten (§ 96a ArbVG) (Stand 2026-07) ✅ | | Zustimmungsfrei | Verwendung aus gesetzlicher Pflicht (§ 26 AZG, § 8 UrlG), kollektiver Rechtsgestaltung oder Arbeitsvertrag ✅ | | Beurteilungsmaßstab | gesamtes installiertes System (Leistungsumfang des Programmpakets); Grundlagen dem BR offenzulegen ✅ | | Videoüberwachung | idR § 96a Abs 1 Z 1 — auch bei reiner Ein-/Ausgangs- und Objektschutzkontrolle ✅ | | Nichtzustimmung | Beseitigung der Maßnahme; AN nicht weisungsgebunden (kein Entlassungsgrund); Feststellungs-/Gestaltungsklage des BR ✅ | | Ersetzbarkeit | Zustimmung durch Entscheidung der Schlichtungsstelle ersetzbar (§ 96a Abs 2); beide Partner können anrufen; Entscheidung gilt als BV ✅ | | Beendigung | **unkündbar** (§ 32 Abs 2 ArbVG); einvernehmliche schriftliche Auflösung; Befristung zulässig ✅ | | Befristungsbaustein | **12 Monate**; Einspruch spätestens **3 Monate** vor Ablauf → Verlängerung um **12 Monate** (Quelltext-Beispiel) (Stand 2026-07) ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 96a ArbVG** (notwendige BV mit Zwangsschlichtung; Abs 1 Z 1 Personaldatensysteme, Abs 2 Ersetzung der Zustimmung durch die Schlichtungsstelle) — zitiert ✅ - **§ 32 Abs 2 ArbVG** (Unkündbarkeit der vor der Schlichtungsstelle erzwingbaren BV) — zitiert ✅ - **§ 26 AZG** (Arbeitszeitaufzeichnungen als Zustimmungs-Ausnahme) — zitiert ✅ - **§ 8 UrlG** (Urlaubsaufzeichnungen als Zustimmungs-Ausnahme) — zitiert ✅ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **HR-Systeme als § 96a-Gegenstand:** Personalstammsätze, Arbeitszeit-/Urlaubsdaten in Odoo 19 sind über § 26 AZG/§ 8 UrlG gedeckt, soweit sie Aufzeichnungspflichten erfüllen — **darüber hinausgehende** Verwendungen (Analytics, Stimmungs-/ Leistungsprofile, 360°-Beurteilungen) sind am gesamten installierten System (inkl verfügbarer Reports und Rollen) zu beurteilen; vor Einführung dokumentierte § 96a-Kläranzeige. - **Mitarbeiterbeurteilung** (Appraisals, Zielvereinbarungen): Beurteilung der konkreten Arbeitsleistung ist gerechtfertigt; Persönlichkeits-/Verhaltensbewertung („soft skills") macht die Zustimmungspflicht idR auslösend. - **Kein Payslip-Effekt** selbst; die Nichtzustimmungsschutz-Folge („Weisungen müssen nicht befolgt werden, kein Entlassungsgrund") betrifft Disziplinar-Workflows, nicht die Entgeltberechnung. - Die Unkündbarkeit dieser BVarten (→ lb-brt-35) ist bei der Führung von BV-Gültigkeitszeiträumen zu beachten (kein Kündigungsworkflow für § 96a-BV). ## Verweise - **KB-intern:** lb-brt-16 (Betriebsvereinbarung – Begriff und Allgemeines) · lb-brt-19 (Erzwingbare Betriebsvereinbarung) · lb-brt-28 (Notwendige Betriebsvereinbarung) · lb-brt-30 (Schlichtungsstelle) · lb-brt-35 (Betriebsvereinbarung – Beendigung und Nachwirkung) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` - *Hinweis:* Quelltypo „Daten ehoben" (gemeint: erhoben); der Textbaustein „Verlängerungsautomatik" ist im Quelltext vollständig enthalten.