--- id: lb-bnd-43 batch: 8 title: "Motivkündigung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Beendigungsarten" topic: beendigungsarten author: "Thöny-Maier" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_motivkundigung.pdf" text: ".lexis360/md/motivkundigung.md" legal_bases: ["ArbVG § 105 Abs 3 Z 1", "ArbVG § 105 Abs 3 Z 1 lit i", "MSchG § 10 Abs 8", "MSchG § 15n Abs 2", "VKG § 8f Abs 2", "AVRAG § 9", "AVRAG § 15", "AVRAG § 12", "AZG § 7 Abs 6", "ARG § 12b Abs 3", "GlBG § 2a Abs 8", "GlBG § 12 Abs 7", "GlBG § 15 Abs 1a", "BEinstG § 7k Abs 2 Z 2", "ABGB § 879", "HinweisgeberInnenschutzgesetz"] tags: [motivkundigung, motivanfechtung, kundigungsanfechtung, anspruchsgeltendmachung, glbg, hinweisgeberschutz] cross_refs: ["lb-beh-04", "lb-bnd-44", "lb-brt-27", "lb-elt-05", "lb-glb-02", "lb-sch-06"] --- # Motivkündigung *Lexis Briefings Personalrecht, Thöny-Maier, Stand Juli 2026 (lb-bnd-43).* ## Zusammenfassung - **Begriff:** von einer Motivkündigung spricht man, wenn die Kündigung **aus einem verbotenen Grund** erfolgt. Kann der Gekündigte im Gerichtsverfahren **glaubhaft machen**, dass ein verpöntes Motiv vorliegt, wird die Kündigung **rechtsunwirksam** und damit aufgehoben. Eine **Mindestbetriebszugehörigkeit ist nicht erforderlich** (anders als bei der Sozialwidrigkeitsanfechtung), und die Motivanfechtung ist auch nach **Zustimmung des Betriebsrats** möglich. - **Katalog des § 105 Abs 3 Z 1 ArbVG** — Kündigung wegen: Beitritt/Mitgliedschaft zu einer **Gewerkschaft** oder Gewerkschaftstätigkeit; Einberufung einer **Betriebsversammlung**; Tätigkeit als Mitglied des **Wahlvorstandes**, einer Wahlkommission oder als Wahlzeuge; Bewerbung um eine **Betriebsratsmitgliedschaft** oder frühere BR-Tätigkeit; Tätigkeit als Mitglied der **Schlichtungsstelle**; Tätigkeit als **Sicherheitsvertrauensperson, Sicherheitsfachkraft, Arbeitsmediziner** (bzw deren Fach-/Hilfspersonal); bevorstehender **Einberufung zum Präsenz-/Ausbildungsdienst oder Zuweisung zum Zivildienst**; der **nicht offenbar unberechtigten Geltendmachung** von vom AG infrage gestellten Ansprüchen aus dem Arbeitsverhältnis (zB ausständiges Entgelt, Gehaltserhöhungen, Vorrückungen, Urlaubsanspruch, Unterlassung gesetzwidriger Überstundenanordnung); Tätigkeit als **Sprecher des besonderen Verhandlungsgremiums**. - **Parallele Anfechtungsregime mit denselben Maßstäben:** **MSchG/VKG** — Kündigungen im Zusammenhang mit Elternteilzeit nach Ablauf des **vierten Lebensjahres des Kindes** (§ 15n Abs 2 MSchG / § 8f Abs 2 VKG); **§ 10 Abs 8 MSchG** für freie Dienstnehmerinnen (Anfechtung binnen **2 Wochen** nach Ausspruch wegen Schwangerschaft/Beschäftigungsverbot bis 4 Monate nach Geburt). **AZG/ARG** (neu ab 1. 9. 2018, BGBl I 2018/53) — Kündigung wegen Ablehnung von Überstunden, wenn dadurch die **tägliche Arbeitszeit von 10 Stunden oder die wöchentliche von 50 Stunden** überschritten würde (§ 7 Abs 6 AZG), sowie in Betrieben ohne BR wegen Ablehnung von **Wochenend-/Feiertagsarbeit** bei vorübergehend auftretendem besonderem Arbeitsbedarf (§ 12b Abs 3 ARG). - **§ 15 AVRAG:** anfechtbar sind Kündigungen wegen Ablehnung der **Wiedereingliederungsteilzeit** oder wegen beabsichtigter/tatsächlich in Anspruch genommener **Bildungskarenz, Bildungsteilzeit, Freistellung gegen Entfall des Entgelts (§ 12 AVRAG), Solidaritätsprämienmodell, Altersteilzeit, Betreuungsteilzeit, Pflegekarenz, Pflegeteilzeit**. Nach **§ 9 AVRAG** gelten die Motivkündigungsgrundsätze für Kündigungen im Zusammenhang mit der Tätigkeit für **Sicherheit und Gesundheitsschutz**. - **Eigene Regime:** **Behinderteneinstellungsgesetz** und **Gleichbehandlungsgesetz** (Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion, Weltanschauung, Alter, sexuelle Orientierung); im **HinweisgeberInnenschutzgesetz** sind Vergeltungskündigungen für berechtigte Hinweise **rechtsunwirksam**. - **Abgrenzung Sittenwidrigkeit (§ 879 ABGB):** Sittenwidrigkeit liegt vor, wenn der AG „aus gänzlich untauglichen Gründen und insbesondere aus Motiven kündigt, die angesichts des Persönlichkeitsschutzes zu missbilligen sind" (Stand Juli 2026). Fällt das Kündigungsmotiv unter § 105 Abs 3 Z 1 bzw Z 2 ArbVG, kann **nicht** auf Sittenwidrigkeit berufen werden. Eine sittenwidrige Kündigung ist **von vornherein nichtig** (Feststellungsklage), während die Motivanfechtung als **Rechtsgestaltungsklage** erfolgt (9 ObA 30/10t). - **Fristen:** für die Motivanfechtung nach ArbVG gelten die Fristen der Sozialwidrigkeitsanfechtung (→ lb-bnd-44). Bei **Sicherheitsvertrauenspersonen** ist die **Arbeiterkammer vor der Kündigung nachweislich zu verständigen** (§ 9 AVRAG); wird dies versäumt, **verlängert sich die Anfechtungsfrist** um die Verspätung, maximal auf **1 Monat ab Zugang** der Kündigung. Nach **GlBG/BEinstG** (§ 12 Abs 7 iVm § 15 Abs 1a GlBG; § 7k Abs 2 Z 2 BEinstG) erfolgt die Anfechtung durch den Diskriminierten binnen **14 Tagen**. - **Beweisverfahren:** der Gekündigte muss das verpönte Motiv nur **glaubhaft machen** (Wahrscheinlichkeit nach allgemeiner Lebenserfahrung und vorgelegten Beweisen); der AG hat **andere Gründe vorzubringen und glaubhaft zu machen**, dass diese ausschlaggebend waren — ein erlaubter Grund, den der AG einwandfrei beweist, schließt eine Entscheidung für den Gekündigten nicht aus, wenn das glaubhaft gemachte verpönte Motiv wahrscheinlicher ist. **Kurzer zeitlicher Zusammenhang** zwischen Anspruchsgeltendmachung und Kündigung ist meist ein Indiz. - **Judikaturbeispiele des Briefings:** Kündigung nach Lohnreklamation (Zusammenhang nicht bescheinigt); Urlaubsbegehren ohne durchgesetzten Anspruch (keine Motivkündigung); offenbar unberechtigte Forderung (keine Motivkündigung); Ablehnung eines Änderungsangebots (keine Geltendmachung); Beschwerde über Dienstplaneinteilung (Motivkündigung); bloße Zweifel des AG an der Berechtigung (Anspruch schon „in Frage gestellt"); Mobbing-Abhilfe-Begehren; Prämienforderung; Forderung zugesicherte Einstufung; Entgeltangleichung an männlichen Kollegen (anfechtbar nach § 105 Abs 3 Z 1 lit i ArbVG und § 2a Abs 8 GlBG, 8 ObA 40/03w). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Anfechtungsgrund | § 105 Abs 3 Z 1 ArbVG — Katalog verbotener Motive ✅ | | Mindestzugehörigkeit | **keine** (anders als Sozialwidrigkeitsanfechtung: dort 6 Monate) ✅ | | BR-Zustimmung | hindert die Motivanfechtung **nicht** ✅ | | Elternteilzeit | nach Ablauf des **4. Lebensjahres des Kindes**: § 15n Abs 2 MSchG / § 8f Abs 2 VKG — Maßstäbe der Motivkündigung ✅ | | Freie Dienstnehmerin | § 10 Abs 8 MSchG: Anfechtung binnen **2 Wochen** nach Ausspruch (Stand 2026-07) ✅ | | Überstunden | Ablehnung jenseits **10 Stunden täglich / 50 Stunden wöchentlich** (§ 7 Abs 6 AZG, neu ab 1. 9. 2018, BGBl I 2018/53) ✅ | | Wochenend-/Feiertagsarbeit | § 12b Abs 3 ARG (Betriebe ohne BR), vorübergehend besonderer Arbeitsbedarf ✅ | | § 15 AVRAG-Schutztatbestände | Wiedereingliederungsteilzeit, Bildungskarenz, Bildungsteilzeit, Freistellung § 12 AVRAG, Solidaritätsprämienmodell, Altersteilzeit, Betreuungsteilzeit, Pflegekarenz, Pflegeteilzeit ✅ | | Sicherheitsvertrauensperson | AK vor Kündigung nachweislich verständigen (§ 9 AVRAG); sonst Fristverlängerung um die Verspätung, max **1 Monat ab Zugang** ✅ | | GlBG/BEinstG | Anfechtung binnen **14 Tagen** (§ 12 Abs 7 iVm § 15 Abs 1a GlBG; § 7k Abs 2 Z 2 BEinstG) ✅ | | HinweisgeberInnenschutz | Vergeltungskündigung nach berechtigtem Hinweis **rechtsunwirksam** ✅ | | Beweismaß | Glaubhaftmachung des verpönten Motivs genügt; Wahrscheinlichkeitsvergleich mit AG-Gründen ✅ | | Sittenwidrigkeit | § 879 ABGB — von vornherein nichtig, Feststellungsklage; keine Berufung auf Sittenwidrigkeit bei § 105-AF-Tatbeständen ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 105 Abs 3 Z 1 ArbVG** (Katalog verbotener Motive; im Judikaturteil auch lit i) — ausdrücklich zitiert ✅ - **§ 10 Abs 8, § 15n Abs 2 MSchG** / **§ 8f Abs 2 VKG** (freie Dienstnehmerin, Elternteilzeit) — zitiert ✅ - **§ 7 Abs 6 AZG** und **§ 12b Abs 3 ARG** (Überstunden-/Wochenendablehnung, neu ab 1. 9. 2018) — zitiert ✅ - **§§ 9, 12, 15 AVRAG** (Sicherheitsvertrauensperson, Freistellung, Karenz-/Teilzeittatbestände) — zitiert ✅ - **§ 2a Abs 8 GlBG**, **§ 12 Abs 7 iVm § 15 Abs 1a GlBG**, **§ 7k Abs 2 Z 2 BEinstG** — zitiert ✅ - **§ 879 ABGB** (Sittenwidrigkeit) und **HinweisgeberInnenschutzgesetz** (Vergeltungskündigung) — zitiert ✅ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Rechtsfrage ohne eigene Abrechnungslogik:** die Motivanfechtung selbst betrifft die Rechtswirksamkeit; payroll-seitig relevant ist der **Anfechtungserfolg** — Aufhebung der Kündigung, Weiterbeschäftigung und **Nachzahlung** der zwischenzeitlich nicht geleisteten Entgeltansprüche (Payslip-Korrektur-/Rückabwicklungsläufe der hr_payroll-Engine). - **Entgeltrelevante Anfechtungsfristen** als Hinweispflichten (14 Tage GlBG/BEinstG; max 1 Monat bei Sicherheitsvertrauenspersonen) — kein Bestandteil der Abrechnung, aber Kontext für Beendigungs-Workflows. - **Dokumentation von Anspruchsgeltendmachungen** (Entgeltreklamationen, Vorrückungs- und Urlaubsbegehren) im HR-Fall/HR-Case: kurzer zeitlicher Zusammenhang zur Kündigung ist Indiz — nachvollziehbare Zeitstempel schützen. - **Karenz-/Teilzeit-Tatbestände** (Bildungskarenz, Pflegekarenz, Altersteilzeit ua nach § 15 AVRAG) sind ohnehin vertragliche Zustände am `hr.contract`-Modell — Beendigungsvorhaben bei laufenden/beantragten Tatbeständen mit Warnung versehen. - **Kein SV-/Meldewesen-Spezifikum** im Briefing; bei Aufhebung bleibt es beim regulären Abmeldewesen (keine Abmeldung, wenn DV fortdauert). ## Verweise - **KB-intern:** lb-beh-04 (Behinderte Arbeitnehmer — Schutz vor Diskriminierung) · lb-bnd-44 (Sozialwidrige Kündigung — Anfechtungsfristen, Abgrenzung) · lb-brt-27 (Kündigungsanfechtung) · lb-elt-05 (Elternteilzeit — Kündigungs- und Entlassungsschutz) · lb-glb-02 (Diskriminierung) · lb-sch-06 (Schwangerschaft — Kündigung und Entlassung) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (ArbVG-/AVRAG-/GlBG-Regime) - *Hinweis:* Die Judikaturübersicht des Briefings ist im Export als zerbrochene Tabellenspalten übernommen; die Fälle sind verkürzt und mit den im Text lesbaren Geschäftszahlen/Fundstellen wiedergegeben — nicht rekonstruiert.