--- id: lb-pfl-01 batch: 7 title: "Pflegefreistellung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Dienstverhinderung" topic: pflegefreistellung author: "Heinz-Ofner/Radauer" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_pflegefreistellung.pdf" text: ".lexis360/md/pflegefreistellung.md" legal_bases: ["UrlG § 16 Abs 1 Z 1-3", "UrlG § 16 Abs 5", "UrlG § 18a", "ASVG § 49 Abs 3 Z 1", "GlBG § 12", "MSchG § 15d Abs 2", "AngG § 8 Abs 3", "ABGB § 1154b Abs 5"] tags: [pflegefreistellung, krankenpflegefreistellung, betreuungsfreistellung, begleitungsfreistellung, urlg, ausfallsprinzip, motivkundigungsschutz, fristenhemmung] cross_refs: ["lb-pfl-02", "lb-dvh-03", "lb-url-06", "lb-url-10", "lb-url-14", "lb-kzs-04", "lb-glb-07"] --- # Pflegefreistellung *Lexis Briefings Personalrecht, Heinz-Ofner/Radauer, Stand Juli 2026 (lb-pfl-01).* ## Zusammenfassung - **Begriff:** Die Pflegefreistellung (§ 16 UrlG) ist eine besondere Form der Dienstfreistellung unter Entgeltfortzahlung — **kein Urlaubsanspruch**, obwohl sie im Urlaubsgesetz geregelt ist. Drei Arten: Krankenpflegefreistellung, Betreuungsfreistellung und Begleitungsfreistellung für Kinder; die erweiterte Krankenpflege- freistellung für Kinder unter zwölf Jahren ist gesondert geregelt (→ lb-pfl-02). - **Krankenpflegefreistellung (§ 16 Abs 1 Z 1 UrlG):** notwendige Pflege eines **erkrankten nahen Angehörigen** oder einer **im gemeinsamen Haushalt lebenden erkrankten Person**. Nahe Angehörige: Kinder (auch Wahl- und Pflegekinder), leibliche Kinder des anderen Ehegatten/Partners/ Lebensgefährten, Eltern, (Ur-)Großeltern, Enkel, Ehegatten, eingetragene Partner bzw. Lebensgefährten. Das Merkmal des **gemeinsamen Haushalts wurde für nahe Angehörige mit 1. 11. 2023 gestrichen**; für weitere Personen (Onkel, Tante, Geschwister, Neffen, Nichten) bleibt der gemeinsame Haushalt Voraussetzung. Eine Auslandsreise mit der gepflegten Person ist unschädlich, wenn sie dem Heilungsverlauf nicht schadet. - **Betreuungsfreistellung (§ 16 Abs 1 Z 2 UrlG):** fällt die Person, die das Kind ständig betreut, aus, und zwar durch Tod, Aufenthalt in einer Heil- oder Pflegeanstalt, Verbüßung einer Freiheitsstrafe bzw. behördlich angeordnete Anhaltung, schwere Erkrankung (zB schwere Erkältung) oder Wegfall des gemeinsamen Haushalts des anderen Elternteils bzw. der Betreuung des Kindes (Grundkatalog entsprechend § 15d Abs 2 Z 1–5 MSchG). Voraussetzung ist der **unvorhersehbare und unabwendbare** Ausfall der normalen Betreuungsperson (auch Tagesmutter etc.); die Betreuung muss **notwendig** sein (Auto-Fahrt zur Schule bei öffentlicher Anbindung genügt nicht). Das Kind selbst muss **nicht erkrankt** sein. - **Begleitungsfreistellung für Kinder (§ 16 Abs 1 Z 3 UrlG):** Für **Kinder unter zehn Jahren** Gebühren zur Begleitung zu einem stationären Krankenhaus-Aufenthalt — unabhängig von Art und Schwere der Erkrankung (leibliche Kinder ohne gemeinsamen Haushalt; Kinder des anderen Ehegatten/Partners/Lebensgefährten bei gemeinsamem Haushalt). Für über zehnjährige Kinder nur in besonderen Fällen (zB intensive psychische Betreuung nach einer außergewöhnlich schweren Operation). - **Wahlrecht:** Kommen mehrere berufstätige Angehörige (auch bei verschiedenen Arbeitgebern) infrage, haben sie ein Wahlrecht, wer die Pflege/Betreuung übernimmt — **nicht mehrere gleichzeitig**; eine Rücksichtnahme auf betriebliche Interessen ist nicht erforderlich. - **Inanspruchnahme/Nachweis:** **keine Wartezeit**, **keine Vereinbarung** mit dem Arbeitgeber erforderlich (schriftliches Festhalten dennoch empfohlen); Information des Arbeitgebers **so bald wie möglich**. Auf Verlangen ist die Dienstverhinderung **dem Grunde nach** nachzuweisen — ein bestimmter Nachweis (zB ärztliche Bestätigung) kann **nicht verlangt** werden; der Nachweis kann auch erst nachträglich, aber vor der Lohn-/Gehaltsabrechnung erfolgen. - **Ärztliche Bestätigung — Kosten:** Verlangt der Arbeitgeber ausdrücklich eine ärztliche Bestätigung, muss er die Kosten ersetzen; dieser Kostenersatz ist **beitragsfrei** (§ 49 Abs 3 Z 1 ASVG). Legt der Arbeitnehmer die Bestätigung unaufgefordert vor und übernimmt der Arbeitgeber die Kosten, ist der Kostenersatz **beitragspflichtig**; die Lohnsteuerbeurteilung folgt denselben Kriterien. Der Kostenersatzausschluss kann vereinbart werden; akzeptiert der Arbeitgeber einen aus eigenem Antrieb erbrachten Nachweis, trägt der Arbeitnehmer die Kosten. - **Anspruchsdauer:** für **alle Arten zusammen maximal eine Woche pro Arbeitsjahr** (Ausnahme: neuerliche Erkrankung eines Kindes → lb-pfl-02); stundenweise Inanspruchnahme möglich. Die „eine Woche" entspricht der **regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit** (bei Teilzeit inkl. der regelmäßig anfallenden Mehrstunden, bei Vollzeit inkl. der regelmäßigen Überstunden). Günstigere KV-/BV-/AV-Regelungen gehen vor; ein Übertrag ins nächste Arbeitsjahr ist nicht möglich. Alternativen: Urlaub, unbezahlte Freistellung oder sonstige Dienstverhinderung nach § 8 Abs 3 AngG bzw § 1154b Abs 5 ABGB — nach hM **nicht kumulativ**. - **Anspruchshöhe:** Ausfallsprinzip wie beim Urlaubsentgelt. Für langfristige Begleitungsmaßnahmen schwerst erkrankter Kinder gilt die Familienhospizkarenz (→ lb-kzs-04). - **Motivkündigungsschutz:** Eine Kündigung wegen der beabsichtigten oder tatsächlich in Anspruch genommenen Pflegefreistellung kann angefochten werden; das verpönte Kündigungsmotiv ist glaubhaft zu machen. Seit 1. 11. 2023: auf schriftliches Verlangen des Arbeitnehmers hat der Arbeitgeber eine **schriftliche Begründung** der Kündigung auszustellen — Verlangen binnen **5 Kalendertagen ab Kündigungszugang**, Ausstellung binnen weiterer **5 Kalendertage ab Verlangen**; unterbleibt sie, bleibt die Kündigung dennoch wirksam (§ 16 Abs 5 UrlG). - **Diskriminierungsschutz:** Im Zusammenhang mit einer Pflegefreistellung gelten die Vorschriften des Gleichbehandlungsgesetzes — insbesondere die Rechtsfolgen des § 12 GlBG — auch ohne den Diskriminierungsgrund Geschlecht. - **Fristenhemmung:** Laufende Verjährungs- und Verfallsfristen für bereits erworbene Ansprüche aus dem Dienstverhältnis bleiben bis zum Ablauf von **zwei Wochen nach Ende der Pflegefreistellung gehemmt** (§ 18a UrlG; BGBl I 2023/115, gültig ab 1. 11. 2023). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Frist | Detail | |---|---| | Rechtsgrundlage | § 16 Abs 1 Z 1–3 UrlG (Krankenpflege-, Betreuungs-, Begleitungsfreistellung) | | Nahe Angehörige | Kinder (auch Wahl-/Pflegekinder), leibliche Kinder des anderen Ehegatten/Partners/Lebensgefährten, Eltern, (Ur-)Großeltern, Enkel, Ehegatten, eingetragene Partner/Lebensgefährten | | Gemeinsamer Haushalt | für nahe Angehörige seit **1. 11. 2023 entfallen**; für sonstige Haushaltsmitglieder (Onkel, Tante, Geschwister, Neffen, Nichten) weiterhin Voraussetzung | | Betreuungsfreistellung | Ausfallgründe: Tod, Heil-/Pflegeanstalt, Freiheitsstrafe/behördliche Anhaltung, schwere Erkrankung, Wegfall des Haushalts des anderen Elternteils/der Betreuung (§ 15d Abs 2 Z 1–5 MSchG analog benannt); unvorhersehbar + unabwendbar; Kind muss nicht erkrankt sein | | Begleitungsfreistellung | Kinder **unter 10**: stationärer Krankenhausaufenthalt unabhängig von Art/Schwere; über 10 Jahre nur besondere Fälle (zB psychische Betreuung nach schwerer Operation) | | Anspruchsdauer | **max. 1 Woche pro Arbeitsjahr** (alle Arten zusammen); stundenweise möglich; Ausnahme Kinder < 12 Jahre → lb-pfl-02; kein Übertrag | | „Eine Woche" | = regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit (Teilzeit inkl. regelmäßiger Mehrstunden, Vollzeit inkl. regelmäßiger Überstunden) | | Wartezeit/Vereinbarung | keine; Information so bald wie möglich; Nachweis dem Grunde nach auf Verlangen, kein bestimmter Nachweis (zB ärztliche Bestätigung) erzwingbar, auch nachträglich vor der Lohnabrechnung | | Kostenersatz ärztliche Bestätigung | beitragsfrei, wenn vom Arbeitgeber **ausdrücklich verlangt** (§ 49 Abs 3 Z 1 ASVG); bei unaufgefordertem Vorlegen beitragspflichtig; LSt nach denselben Kriterien; abdingbar | | Motivkündigungsschutz | Anfechtung, Motiv glaubhaft machen; schriftliche Begründung: Verlangen binnen **5 Kalendertagen** ab Zugang, Ausstellung binnen **5 Kalendertagen** ab Verlangen; ohne Begründung bleibt die Kündigung wirksam (§ 16 Abs 5 UrlG) | | Fristenhemmung | **2 Wochen** nach Ende der Pflegefreistellung (§ 18a UrlG, ab 1. 11. 2023) | ## Rechtsgrundlagen - **§ 16 Abs 1 Z 1–3 UrlG** — die drei Freistellungsarten; **§ 16 Abs 5 UrlG** — Motivkündigungsschutz/schriftliche Begründungspflicht; **§ 18a UrlG** — Fristenhemmung (BGBl I 2023/115, gültig ab 1. 11. 2023). - **§ 49 Abs 3 Z 1 ASVG** — Beitragsfreiheit des Kostenersatzes bei ausdrücklich verlangter ärztlicher Bestätigung. - **§ 12 GlBG** — Rechtsfolgen bei Diskriminierung; **§ 15d Abs 2 Z 1–5 MSchG** — Grundkatalog des Ausfalls der Betreuungsperson (Fußnote des Quelltexts). - **§ 8 Abs 3 AngG / § 1154b Abs 5 ABGB** — sonstige Dienstverhinderung als nicht kumulative Alternative (→ lb-dvh-03). ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Bezahlter Abwesenheitstyp „Pflegefreistellung"** mit drei Unterarten (Krankenpflege/Betreuung/Begleitung) und **gemeinsamem Jahreskontingent**: „eine Woche" = regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit (inkl. regelmäßiger Mehr-/Überstunden) — Kontingent aus Vertrags-/Arbeitszeitdaten, Verbrauch stundenweise (Arbeitsjahr als Bezugszeitraum, kein Übertrag). - **Ausfallsprinzip-Entgelt** wie Urlaubsentgelt (→ lb-url-14); keine Wartezeit, keine Freigabe durch den Arbeitgeber erforderlich. - **Kostenersatz ärztliche Bestätigung** als zwei getrennte Vergütungskategorien führen (beitragsfrei bei ausdrücklichem Verlangen vs. beitragspflichtig bei unaufgefordertem Vorlegen) — die SV-Behandlung hängt am Anlassvermerk der Zahlung. - **Nachweis-Workflow:** Vermerk „Nachweis dem Grunde nach erbracht (vor Abrechnung)" am Abwesenheitssatz; kein fester Belegtyp erzwingen. - **Fristen-Hooks:** 5-Kalendertage-Fristen der Kündigungs-Begründung als HR-Workflow (Fristen-Engine), 2-Wochen-Fristenhemmung in der Verfalls-/Verjährungs-Logik für Ansprüche aus dem Dienstverhältnis unterstützen. ## Verweise - **KB-intern:** lb-pfl-02 (Pflegefreistellung — Kinder unter 12 Jahren; zweite Woche; Breadcrumb-Verweis der Quelle) · lb-dvh-03 (Sonstige Dienstverhinderungsgründe auf Arbeitnehmerseite — § 8 Abs 3 AngG/ § 1154b Abs 5 ABGB nicht kumulativ) · lb-url-06 (Urlaub und Arbeitsverhinderung — urlaubsrelevante Wirkungen) · lb-url-10 (Urlaubsvereinbarung — Abgrenzung zur Vereinbarung von Urlaub) · lb-url-14 (Urlaubsentgelt — Ausfallsprinzip) · lb-kzs-04 (Begleitung schwerst erkrankter Kinder — Abgrenzung kurzfristige bezahlte Begleitungsfreistellung vs. langfristige entgeltlose Familienhospiz-Maßnahme) · lb-glb-07 (Rechtsfolgen der GlBG-Verletzung) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` - *Hinweis:* Die im Quelltext erwähnten Muster (Krankenpflege-, Betreuungsfreistellung, Begleitungsfreistellung) und die Checkliste für Pflegefreistellungen sind im Export nicht enthalten — nicht rekonstruiert.