--- id: lb-bnd-39 batch: 8 title: "Kündigungsausspruch" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Beendigungsarten" topic: beendigungsarten author: "Thöny-Maier" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_kundigungsausspruch.pdf" text: ".lexis360/md/kundigungsausspruch.md" legal_bases: ["ABGB § 863", "VBG", "Vertragsbedienstetengesetz"] tags: [kundigungsausspruch, schriftform, unterschriftlichkeit, zugang, kundigungserklarung, sachwalter] cross_refs: ["lb-bnd-38", "lb-bnd-40", "lb-bnd-41", "lb-end-24"] --- # Kündigungsausspruch *Lexis Briefings Personalrecht, Thöny-Maier, Stand Juli 2026 (lb-bnd-39).* ## Zusammenfassung - **Form:** die Kündigung ist grundsätzlich **mündlich, schriftlich oder schlüssig** möglich (§ 863 ABGB), sofern nichts anderes gilt. **Kollektivverträge und Einzelverträge** können besondere Formvorschriften vorsehen; für **besonders kündigungsgeschützte Personen** gelten Sonderregeln (→ lb-bnd-38). Aus Beweisgründen ist die Schriftform vorzuziehen. - **„Schriftlichkeit" = „Unterschriftlichkeit"** (8 ObA 63/09m): das Dokument muss eine **eigenhändige Unterschrift** tragen. Ein Brief mit Unterschrift genügt; ein **einfaches E-Mail** (ohne Attachment, ohne digitale Signatur), eine **SMS** und — laut OGH — auch **WhatsApp** erfüllen das Schriftlichkeitsgebot nicht; ob ein **Fax** genügt, ist weder im Gesetz noch in der Rsp eindeutig geklärt ⚠. Die Übermittlung einer **Kopie eines unterfertigten Kündigungsschreibens** entspricht dem Schriftformerfordernis des VBG (OGH 30. 8. 2022, 8 ObA 101/21t). - **Inhalt:** dokumentieren, **welches Vertragsverhältnis** aufgelöst wird (zB durch Angabe des Beginns — wichtig bei parallelen Verhältnissen wie geringfügiger Beschäftigung während der Karenz oder Dienst-/Werkvertrag) und dass die Auflösung **unter Einhaltung der maßgeblichen Bestimmungen** (Gesetz, KV, BV, Einzelvertrag) erfolgt. Ein konkreter **Endzeitpunkt ist nicht zwingend**; aus der Fürsorgepflicht soll aber über den maßgeblichen Endtermin aufgeklärt werden. - **Keine Richtigstellung des Endzeitpunkts:** nach OGH ist eine Korrektur eines irrtümlich angegebenen Kündigungstermins nicht möglich; entscheidend ist, wie die Erklärung aufgrund der **Begleitumstände objektiv verstanden** wird (bei unrichtiger Wissenserklärung wird die Kündigung erst zum **nächstzulässigen Termin** wirksam; 9 ObA 38/02g, 9 ObA 115/01d). Vorsicht: **nicht versehentlich den Ausspruchszeitpunkt als Endtermin** angeben. - **Begründung** ist grundsätzlich **nicht nötig** (4 Ob 134/85); Ausnahmen in KV und im **Vertragsbedienstetengesetz** — ist ein Grund vorgeschrieben, kann nur aus einem solchen gekündigt werden. Eine dennoch angegebene Begründung ist bei einer allfälligen **Anfechtung maßgeblich**. Formulierungen wie **„per sofort"/„mit sofortiger Wirkung"** bedeuten sofortige Beendigung — der AN kann sofort die Arbeit einstellen und **Kündigungsentschädigung** fordern; empfohlen wird die genaue Angabe von Frist und Endtermin. - **Wer kann kündigen:** nur die **Vertragsparteien** (Abweichungen für Minderjährige und Lehrlinge); Vertretung nur mit **Vollmacht**. Müssen auf AG-Seite mehrere Personen **gemeinsam** handeln, ist die Kündigung nur mit Zustimmung aller wirksam; der Ausspruch eines **bevollmächtigt erscheinenden Vorgesetzten** kann der AN gegen sich gelten lassen (Anfechtung der Unwirksamkeit nur, wenn die Vertretungsmacht fehlt bzw bekannt fehlt — Vertrauensschutz). - **An wen:** an den **Vertragspartner**; ist ein **Sachwalter** bestellt, an diesen (und die Abgabe der Erklärung nur durch den Sachwalter wirksam). Bei unklarem Sachwalterkreis an beide richten; ist ein schwer kranker AN ohne Sachwalter **nicht geschäftsfähig**, kann die Kündigung erst nach Bestellung eines Sachwalters ausgesprochen werden. - **Zugang:** erst mit **Zugang an den Adressaten** gilt die Kündigung als ausgesprochen und **läuft die Kündigungsfrist**. Beim Brief zählt der **Zugang, nicht der Poststempel** — Absenden genügt nicht (Beispiel: zweimonatige Frist zum Monatsletzten für Ende 30. 6. → das Schreiben muss der AN spätestens am **30. 4. in Händen halten**). Kommt die Kündigung zu spät an bzw werden Frist/Termin nicht eingehalten, schuldet der AG **Kündigungsentschädigung bis zum nächsten ordnungsgemäß möglichen Endzeitpunkt**. - **Zugangsregeln:** Einwurf in den **Briefkasten** genügt (auch bei bewusst oder nachlässig unterlassener Entleerung); **Vereitelung** des Zugangs wird zugerechnet (zB absichtliches Nichtöffnen, falsche Adresse, abgedrehtes Fax — OLG Wien 8 Ra 160/06t). **Mündlich/telefonisch** wirkt der Zugang sofort (Beweisproblem → Zeugen). **Einschreiben mit Zustellnachricht:** Zustellung mit **Beginn der Abholfrist**; bei Ortsabwesenheit (Urlaub, Krankenhaus-, Kuraufenthalt) gilt die Kündigung als **zeitwidrig** (9 ObA 73/10s, 9 ObA 55/95). - **Frist-/terminwidrige Arbeitnehmerkündigung:** der AG kann **Schadenersatz** bzw eine vereinbarte **Konventionalstrafe** fordern; die Beendigungsansprüche werden **wie beim ungerechtfertigten vorzeitigen Austritt** abgerechnet. - **Adresse:** Kündigung an die **vom AN bekanntgegebene Adresse**; bei Adressänderung die aktuelle richtige Adresse verwenden (Dienstverträge enthalten oft eine **Mitteilungspflicht** für neue Anschriften). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Form | mündlich, schriftlich oder schlüssig (§ 863 ABGB); KV/Einzelvertrag können Form vorschreiben ✅ | | Schriftlichkeit | = **Unterschriftlichkeit**: eigenhändige Unterschrift erforderlich (8 ObA 63/09m) ✅ | | E-Mail/SMS/WhatsApp | einfaches E-Mail ohne Attachment/Signatur, SMS und WhatsApp erfüllen die Schriftform **nicht**; **Fax ungeklärt** (Stand 2026-07) ✅ | | Kopie unterfertigten Schreibens | genügt dem Schriftformerfordernis des **VBG** (OGH 8 ObA 101/21t) ✅ | | Endzeitpunkt | keine zwingende Angabe; irrtümlich falscher Termin **nicht korrigierbar** — objektives Verständnis nach Begleitumständen; gilt erst zum nächstzulässigen Termin ✅ | | „per sofort" | sofortige Beendigung; AN kann sofort einstellen + **Kündigungsentschädigung** verlangen ✅ | | Begründung | grds nicht erforderlich; bei Vorschrift (KV, Vertragsbedienstetengesetz) nur aus diesen Gründen; angegebene Begründung bei Anfechtung maßgeblich ✅ | | Zugang | maßgeblich, **nicht** der Poststempel; Beispiel: Frist 2 Monate zum Monatsletzten, Ende 30. 6. → in Händen spätestens **30. 4.** ✅ | | Briefkasten/Einschreiben | Einwurf genügt; Zugangsvereitelung zurechenbar; Einschreiben: Zustellung mit Beginn der **Abholfrist**; Ortsabwesenheit (Urlaub/Krankenhaus/Kur) → **zeitwidrig** ✅ | | Verstoß AG | Kündigungsentschädigung bis zum nächsten ordnungsgemäß möglichen Endzeitpunkt ✅ | | Verstoß AN | Schadenersatz/allfällige **Konventionalstrafe**; Abrechnung der Beendigungsansprüche wie beim **ungerechtfertigten vorzeitigen Austritt** ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 863 ABGB** (Formfreiheit, schlüssiges Verhalten) — ausdrücklich zitiert ✅ - **VBG** (Schriftformerfordernis, ohne §-Zitat) und **Vertragsbedienstetengesetz** (Begründungspflicht, ohne §-Zitat) — genannt ✅; „VBG" bezeichnet hier wohl das Vertragsbedienstetengesetz — im Export nicht aufgelöst ⚠ - Formvorschriften in **Kollektivverträgen** und Einzelverträgen genannt (ohne konkrete Norm) ⚠ — im Einzelfall anhand des anzuwendenden KV zu prüfen ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Beendigungs-Workflow:** Ausspruchs-/Zugangsdatum und Endtermin getrennt führen; die **Endterminberechnung** (Frist + Termin je nach Angestellten-/Arbeiter-Regime, → lb-bnd-40, lb-bnd-41) vor Setzen von `hr.contract`-Enddatum (`date_end`) auslösen. - **Dokumentation:** Zugang nachweisbar halten (Übergabebestätigung mit Datum/Unterschrift) — Beweisrisiko liegt bei der kündigenden Seite; Kündigungsschreiben dem Mitarbeiterprofil/HR-Case zuordnen. - **Kündigungsentschädigung** als Lohnart der hr_payroll-Engine, wenn Frist/Termin nicht eingehalten wurden (Bezug bis zum nächstmöglichen ordnungsgemäßen Endzeitpunkt); bei frist-/terminwidriger **AN-Kündigung** Abrechnung der Beendigungsansprüche wie beim ungerechtfertigten Austritt. - **„per sofort"-Konstellation:** sofortiges Ende = kein Auslauffrist-Entgelt, sofortige Endabrechnung plus Kündigungsentschädigung im Payslip. - **Parallele Verträge** (zB geringfügige Beschäftigung neben Karenz-Vertretung): eindeutige Zuordnung der Kündigung zum richtigen Vertragsmodell, damit Abmeldung/Meldewesen und Payslip das richtige DV erfassen. - Kein SV-/Meldewesen-Spezifikum im Briefing (Abmeldung regulär zum Endtermin). ## Verweise - **KB-intern:** lb-bnd-38 (Besonderer Kündigungsschutz — Sonderregeln für geschützte Personen) · lb-bnd-40 (Kündigungsfristen und -termine Angestellte) · lb-bnd-41 (Kündigungsfristen und -termine Arbeiter) · lb-end-24 (Kündigungsentschädigung — Arbeitsrecht) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (ABGB-/Formfragen-Regime) - *Hinweis:* Der Querverweis auf das „Muster eines Kündigungsschreibens" ist im Export als unvollständige Verweisstelle übernommen (kein zugehöriger KB-Eintrag im Katalog) — nicht rekonstruiert.