--- id: lb-brt-18 batch: 8 title: "Entlassung eines Betriebsratsmitgliedes" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Betriebsrat & Betriebsvereinbarungen" topic: betriebsrat author: "Sabara" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_entlassung_eines_betriebsratsmitgliedes.pdf" text: ".lexis360/md/entlassung_eines_betriebsratsmitgliedes.md" legal_bases: ["ArbVG § 122", "ArbVG § 122 Abs 3", "StGB §§ 111 ff"] tags: [entlassung, betriebsratsmitglied, entlassungsgrunde, mandatsschutzklausel, geheimnisverrat, nachtragliche-zustimmung, betriebsrat] cross_refs: ["lb-bnd-12", "lb-bnd-33", "lb-brt-13", "lb-brt-14", "lb-brt-26"] --- # Entlassung eines Betriebsratsmitgliedes *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara, Stand Juli 2026 (lb-brt-18).* ## Zusammenfassung - **Katalog (§ 122 ArbVG):** Das Gericht darf der Entlassung nur bei **taxativ** aufgezählten Gründen zustimmen: **(1)** bewusste Täuschung bei Vertragsabschluss (zB gefälschte Zeugnisse), **(2)** gewisse **vorsätzlich begangene gerichtlich strafbare Handlungen**, **(3)** Untreue, unberechtigte Vorteilszuwendung, **(4)** Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen, abträgliches Nebengeschäft, **(5)** Tätlichkeiten, erhebliche Ehrverletzungen. Allen Gründen gemeinsam: Die **Weiterbeschäftigung muss dem Betriebsinhaber unzumutbar** sein — sonst darf das Gericht nicht zustimmen. - **Strafbare Handlungen:** nur **vorsätzlich** begangene Straftaten (auch Versuch, Beihilfe, Anstiftung); entweder mit **Bereicherungsabsicht** begangen (zB Diebstahl, Veruntreuung, Unterschlagung, Betrug) oder mit **mehr als einjähriger Freiheitsstrafe bedroht** (zB schwere Körperverletzung, schwere Sachbeschädigung). Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis ist **unerheblich** (auch „private" Taten); eine strafgerichtliche Verurteilung ist **nicht erforderlich**; auf einen eingetretenen Schaden kommt es nicht an. - **Untreue im Dienst:** bewusster, vorsätzlicher Verstoß gegen die dienstliche Treuepflicht bzw Arbeitgeberinteressen — **ohne** Schädigungsabsicht oder Schadenseintritt; entscheidend ist, ob das Vertrauen so schwer erschüttert ist, dass die Fortsetzung nicht einmal für die Dauer einer **Kündigungsfrist** zumutbar ist. Beispiele: besonders betriebsschädigende **Konkurrenztätigkeit**, **Manipulationen an Arbeitszeitaufzeichnungen** (bei Täuschungsabsicht und gewisser Schwere), eigenmächtige **Urlaubsüberschreitung**, wiederholte mehrfache wesentliche Überschreitung der **30-minütigen Mittagspause**, Erschleichung einer Krankenstandsbestätigung. - **Geheimnisverrat:** der Öffentlichkeit **unbekannte Tatsachen**, deren Bekanntwerden das Unternehmen zu schädigen geeignet ist; **Vorsatz** erforderlich. Bei der Vorlage der **Bilanz** an den Betriebsrat sind die zugehenden Geschäftsgeheimnisse zu wahren; beigezogene Experten müssen kraft Berufs mit Schweigepflicht verpflichtet sein. - **Gehaltslisten:** Die **Offenlegung von Gehaltsdaten anderer Mitarbeiter** (9 ObA 338/00x) bzw die Weitergabe von Listen zur Gehaltssituation von über 100 Mitarbeitern (8 ObA 17/15f) ist grundsätzlich Geheimnisverrat. Im zweiten Fall wurde die Zustimmung zur Entlassung jedoch **verweigert**, weil sich das Mitglied im Rahmen seines Mandats tätig glauben durfte; die erste Entscheidung wird in der Lehre zum Teil als verfehlt angesehen. - **Tätlichkeiten/Ehrverletzungen:** Tätlichkeiten = schuldhafte Eingriffe in die körperliche Integrität unterhalb der Schwelle der (strafbaren) Körperverletzung; Ehrverletzungen = Handlungen/Äußerungen, die Ansehen und soziale Wertschätzung herabsetzen (Geringschätzung, Vorwurf niedriger Gesinnung, üble Nachrede, Verspottung, Beschimpfung) — strafbare Handlungen iSd **§§ 111 ff StGB** und auch nicht strafbare. Erheblichkeit nach **objektiven Maßstäben**; zu richten gegen **Betriebsinhaber, dessen im Betrieb anwesende Familienangehörige oder andere Arbeitnehmer**; auch **außerdienstliche** Ehrverletzungen erfassen, wenn unmittelbarer Zusammenhang mit dem Dienstverhältnis und Auswirkung auf Betrieb/Dienstverhältnis (Beispiel: Äußerung „charakterloser Mensch" ggü dem Betriebsleiter). - **Mandatsschutzklausel:** Greift bei **Untreue**, **Geheimnisverrat**, **Tätlichkeiten/erheblichen Ehrverletzungen** (und beim Kündigungsgrund der beharrlichen Pflichtenverletzung): Setzt das Mitglied den Grund **in Ausübung des Mandats** und ist das Verhalten **entschuldbar**, ist die Zustimmung zu verweigern — auch bei objektiver Kompetenzüberschreitung, wenn das Mitglied eine befugte Mandatsausübung annehmen durfte. Die Klausel schützt aber **nicht jedes Verhalten**; relevant ist ua, ob die Verfehlung **spontan/impulsiv** oder **von langer Hand geplant** war. - **Nachträgliche Zustimmung (§ 122 Abs 3 ArbVG):** Bei vorsätzlicher Straftat, Tätlichkeit oder erheblicher Ehrverletzung genügt die nachträgliche Zustimmung. Die ausgesprochene Entlassung ist bis zur Entscheidung **schwebend rechtsunwirksam** (Arbeitsverhältnis bleibt schwebend aufrecht); stattgebendes Urteil wirkt **ex tunc**, Abweisung macht die Entlassung **von Anfang an nichtig**. Das (nicht freigestellte) Mitglied bleibt bis zur Entscheidung **arbeitspflichtig**; wurde es suspendiert und die Entgelt-Rückforderung vorbehalten, ist es bei Erteilung der Zustimmung zur **Rückzahlung** verpflichtet. Die Klage ist **ehestens/unverzüglich** einzubringen — eine Klage rund **14 Tage** nach Entlassung ist idR verspätet (8 ObA 73/23b). Während der schwebenden Unwirksamkeit darf der Arbeitgeber den Betriebsrat **nicht an der Ausübung der betriebsrätlichen Tätigkeit hindern** (auch bei erfolgter Suspendierung). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Entlassungsgründe | taxativ § 122 ArbVG: Täuschung bei Vertragsabschluss, bestimmte vorsätzliche strafbare Handlungen, Untreue/Vorteilszuwendung, Geheimnisverrat/abträgliches Nebengeschäft, Tätlichkeiten/erhebliche Ehrverletzungen ✅ | | Zusatzerfordernis | **Unzumutbarkeit der Weiterbeschäftigung** in allen Fällen ✅ | | Straftaten-Qualität | vorsätzlich + **Bereicherungsabsicht** ODER mit **> 1 Jahr** Freiheitsstrafe bedroht; Verurteilung/Schaden irrelevant; außerdienstliche Taten möglich (Stand 2026-07) ✅ | | Untreue-Beispiele | Manipulation der Arbeitszeitaufzeichnung, Urlaubsüberschreitung, wiederholte mehrfache Überschreitung der **30-minütigen** Mittagspause, erschlichene Krankenstandsbestätigung ✅ | | Ehrverletzung | erheblich + gegen Betriebsinhaber/dessen anwesende Familienangehörige/Arbeitnehmer; §§ 111 ff StGB und nicht strafbare Handlungen; auch außerhalb der Dienstzeit bei unmittelbarem DV-Zusammenhang ✅ | | Mandatsschutzklausel | Entschuldbares Verhalten in Mandatsausübung → Zustimmungsverweigerung; spontane vs lang geplante Verfehlung ✅ | | Nachträgliche Zustimmung | nur bei Straftat, Tätlichkeit, erheblicher Ehrverletzung (§ 122 Abs 3 ArbVG); schwebende Unwirksamkeit, ex-tunc-Wirkung bei Stattgabe ✅ | | Klagefrist | **unverzüglich**; ca. **14 Tage** nach Entlassung idR bereits verspätet (Stand 2026-07) ✅ | | Rückzahlung | Suspendierung mit Rückforderungsvorbehalt → Rückzahlungspflicht des Entgelts bei nachträglicher Zustimmung (OLG Wien 7 Ra 238/99t) ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 122 ArbVG** (taxativer Entlassungsgründe-Katalog) und **§ 122 Abs 3 ArbVG** (nachträgliche Zustimmung) — ausdrücklich zitiert ✅ - **§§ 111 ff StGB** (gegen die Ehre gerichtete strafbare Handlungen) — zitiert ✅ - Rechtsprechung im Briefing ua: 9 ObA 338/00x (Gehaltsdaten) · 8 ObA 17/15f (Gehaltslisten/Mandatsübung) · 9 ObA 285/97w · 9 ObA 285/88 · OLG Wien 7 Ra 238/99t · 8 ObA 73/23b (Klagefrist) — als Belege genannt ✅ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Bestandsschutz-Gate vor Entlassung:** Beendigungs-Workflows (Entlassung, `hr.contract`) sind bei Betriebsratsmitgliedern ohne gerichtliche Zustimmung zu blockieren (→ lb-brt-13); die Entlassung wird erst mit stattgebendem Urteil wirksam — bis dahin **weiter abrechnen** (Arbeitspflicht besteht, Schicht-/Work-Entry-Planung fortsetzen). - **Schwebende Unwirksamkeit:** Kein Schlussabrechnungs-Trigger bei Ausspruch; Abrechnung/Meldewesen laufen normal weiter; bei Stattgabe Entgelt-Rückforderung als **Überzahlung** verbuchen (Vorbehalt dokumentieren), bei Abweisung keine Korrektur. - **Suspendierung + Rückforderungsvorbehalt:** Szenario im System abbilden (Abwesenheitstyp „Suspendierung Entgeltvorbehalt"), damit die spätere Rückzahlung die SV-BG nicht neu berechnet, sondern storniert — Detailklärung mit SV-Rechtslage erforderlich ⚠. - **Arbeitszeitaufzeichnungs-Manipulation als Entlassungsgrund:** Pünktlichkeits- und Arbeitszeitdaten sind potenzielle Beweismittel — Aufzeichnungen in Odoo (hr.attendance/Zeiterfassung) revisionssicher führen. - Die Katalogprüfung (Unzumutbarkeit, Entschuldbarkeit) ist reine Rechtsfrage — keine Abrechnungslogik. ## Verweise - **KB-intern:** lb-bnd-12 (Besonderer Entlassungsschutz) · lb-bnd-33 (Entlassungsgründe Arbeiter und Angestellte; allgemeines Regime) · lb-brt-13 (Kündigungs- und Entlassungsschutz; Verfahren) · lb-brt-14 (Verschwiegenheitspflicht; Geheimnisverrat) · lb-brt-26 (Kündigung eines Betriebsratsmitgliedes) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Betriebsverfassungsrecht als Rahmen, unabhängig vom GemBG-Regime)