--- id: lb-vst-02 batch: 2 title: "Vorstand - Anstellungsvertrag" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Beschäftigungsverhältnisse" topic: vorstand author: "Haider" stand: 2025-06 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_vorstand_anstellungsvertrag.pdf" text: ".lexis360/md/vorstand_anstellungsvertrag.md" legal_bases: ["AngG", "UrlG", "AZG", "ArbVG", "DHG", "ASchG", "ASGG", "IESG", "ABGB § 1159", "ABGB § 1159a", "ABGB § 1159b", "ABGB § 1162", "BGBl I 2017/153"] tags: [vorstand, organe, anstellungsvertrag, freier-dienstvertrag, kuendigungsfrist, koppelungsklausel] cross_refs: ["lb-vst-01", "lb-vst-03", "lb-vst-04", "lb-gsf-01", "lb-bes-04"] --- # Vorstand – Anstellungsvertrag *Lexis Briefings Personalrecht, Haider, Stand Juni 2025 (lb-vst-02).* ## Zusammenfassung - **Qualifikation:** Das Vorstandsverhältnis einer AG ist — unabhängig von der vertraglichen Ausgestaltung — wegen der aktienrechtlichen Weisungsfreiheit regelmäßig ein **freier Dienstvertrag**; auch die einzelvertragliche Vereinbarung von AngG/UrlG ändert daran nichts. Ein Werkvertrag liegt nur in Ausnahmefällen vor (zB konkreter Sanierungsauftrag). - **Folgen:** Klassische arbeitsrechtliche Gesetze (AngG, UrlG, AZG, ArbVG), Kollektivvertrag und Betriebsvereinbarung gelten ex lege nicht — kein gesetzlicher Anspruch auf Urlaub, Abfertigung, Entgeltfortzahlung etc.; gewünschte Ansprüche müssen einzelvertraglich vereinbart werden (üblich bei UrlG; vertragliche Abweichungen zB beim offenen Urlaubsguthaben zulässig). - **Betriebsvereinbarungen:** Bloße Ausdehnung des Geltungsbereichs genügt nicht (Betriebsrat kann Vorstände nicht vertreten) — nur einzelvertragliche Einbeziehung wirkt; der Anspruch gilt dann aus dem Einzelvertrag, nicht aus der (lohngestaltenden) BV — mit Lohnsteuer-Folgen. - **Arbeitnehmerähnlichkeit:** Freie Dienstnehmer sind idR „arbeitnehmerähnliche Personen" (DHG, ASchG, ASGG); Vorstände nach OGH regelmäßig **nicht** (schwach ausgeprägte organisatorische Abhängigkeit, Einkommenshöhe); IESG nicht anwendbar. Die abgabenrechtliche Einordnung ist von der vertragsrechtlichen unabhängig (→ lb-vst-03/lb-vst-04). - **Beendigung:** Schutznormen nicht anwendbar; nur die technischen Abwicklungsregeln (§§ 1159a, 1159b, 1162 bis 1162d ABGB) analog; Entlassungsgründe sinngemäß. Befristete Verträge → bei rechtswidriger Beendigung Kündigungsentschädigung bis zum Ablauf der Befristung. Koppelungsklausel (Ende mit Abberufung) zulässig; bei Abberufung ohne schuldhaftes Verhalten endet der Vertrag erst mit Ablauf der Kündigungsfrist zum nächsten Termin. - **Kündigungsfristen:** Die längeren Fristen des § 1159 ABGB nF (BGBl I 2017/153) sind nach OGH (8 ObS 4/24g) auf freie Dienstverträge **nicht** analog anzuwenden; Altverträge: 4 Wochen; Neuverträge ohne Fristvereinbarung: „angemessene" Frist, idR 4 Wochen (offen ⚠). ## Kernwerte & Fristen (Stand 2025-06) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Kündigungsfrist Altverträge (§ 1159 ABGB aF) | **4 Wochen** (Stand 2025-06; OGH 8 ObS 4/24g) | | Neuverträge ohne Fristvereinbarung | „angemessene" Frist, nach Wertungen der Judikatur idR **4 Wochen** — tatsächlich anzuwendende Frist offen ⚠ | | Koppelungsklausel | zulässig (Ende des Anstellungsvertrags mit Abberufung); bei vertrauensbedingter Abberufung ohne Verschulden: Ende erst mit gesetzlicher Kündigungsfrist zum folgenden Kündigungstermin | | Kündigungsentschädigung | bei rechtswidriger Beendigung befristeter Vorstandsverträge bis zum **Ablauf der Befristung** | | Analoge Anwendung | §§ 1159a, 1159b, 1162 bis 1162d ABGB (Kündigungsmodalitäten, vorzeitige Auflösung) | ## Rechtsgrundlagen - **AngG, UrlG, AZG, ArbVG** (Nichtanwendbarkeit), **DHG, ASchG, ASGG, IESG** (arbeitnehmerähnliche Personen bzw. deren Nichtanwendung) ausdrücklich benannt. ✅ - **§§ 1159, 1159a, 1159b, 1162 bis 1162d ABGB** und die Novelle **BGBl I 2017/153** ausdrücklich zitiert; OGH 8 ObS 4/24g zur Fristenfrage. ✅ - AktG als Grund der Weisungsfreiheit nur allgemein benannt (ohne §-Zitat) — §§ 70 AktG nennt lb-vst-04. ⚠ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Mitarbeitergruppen-/Vertragsdaten:** Status „freier Dienstvertrag (Organ)" mit einzeln übernommenen Anspruchsregeln (Urlaub, EFZ, SZ) — kein KV- und kein BV-/Default-Regelwerk; Organe außerhalb des R1-Kerns (`RECHTSQUELLEN-Privat.md` Abschnitt 1). - **Lohnsteuer-Falle Betriebsvereinbarung:** Ansprüche aus einzelvertraglicher BV-Übernahme sind keine lohngestaltende Vorschrift iSd Steuerrechts → steuerfreie Zuschläge/Taggelder-Prüfungen der Engine dürfen sich nicht auf BV-basierte Werte stützen (→ lb-vst-04: § 3 Abs 1 Z 16b scheidet aus). - **Abrechnungsdauer:** Befristung + Kündigungsfristen (4 Wochen-Linie) und Kündigungsentschädigung bis Vertragsende als Ende-/Abfindungsvorgänge im Abrechnungsmodell abbilden (Vertragsende = Kalenderfeld, Kündigungsfrist als Parameter). - **Kein AZG-Handling:** keine Normalarbeitszeit-/Überstunden-Work-Entries für Vorstände; Vergütungsbestandteile kommen aus dem Anstellungsvertrag. ## Verweise - **KB-intern:** lb-vst-01 (Abfertigung Neu) · lb-vst-03 (SV: Status und Tarifgruppen) · lb-vst-04 (Steuerrecht: Lohnsteuer trotz fehlender Arbeitnehmereigenschaft) · lb-gsf-01 (GF-Anstellungsvertrag: Organ-Parallele) · lb-bes-04 (freier Dienstvertrag) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Abschnitt 1: Organe außerhalb R1). - *Stand-Hinweis:* Briefing-Stand 2025-06; kein neueres Briefing zum Vorstands-Anstellungsvertrag im Korpus. Die 2026-07-Briefings lb-vst-03 („abgabenrechtliche Einordnung unabhängig von der vertragsrechtlichen Zuordnung") und lb-vst-04 ändern keine Werte des vorliegenden Textes (via Volltext geprüft).