--- id: lb-azg-01 batch: 5 title: "Arbeitszeit - Höchstgrenzen" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Arbeitszeit" topic: arbeitszeitgrenzen author: "Thöny-Maier" stand: 2026-06 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_arbeitszeit_hochstgrenzen.pdf" text: ".lexis360/md/arbeitszeit_hochstgrenzen.md" legal_bases: ["AZG § 7 Abs 1", "AZG § 7 Abs 6", "AZG § 8", "AZG § 9 Abs 1", "AZG § 9 Abs 4", "AZG § 19a", "AZG § 20"] tags: [hochstgrenzen, gesamtarbeitszeit, tagesarbeitszeit, wochenarbeitszeit, durchrechnungszeitraum, azg] cross_refs: ["lb-azg-02", "lb-azg-03", "lb-ues-01", "lb-mip-04", "lb-atz-12", "lb-jug-08"] --- # Arbeitszeit – Höchstgrenzen *Lexis Briefings Personalrecht, Thöny-Maier, Stand Juni 2026 (lb-azg-01).* ## Zusammenfassung - **Gesamtarbeitszeit-Grenzen** beziehen sich auf Normalarbeitszeit **plus** Mehr- und Überstunden: Nach § 9 Abs 1 AZG dürfen die gesamte Tagesarbeitszeit grundsätzlich **12 Stunden** und die gesamte Wochenarbeitszeit grundsätzlich **60 Stunden** nicht überschreiten (Stand 2026-06). Vor der AZG-Novelle 2018 (BGBl I 2018/53, wirksam 1. 9. 2018) galten 10/50 Stunden. - Die 12/60-Grenzen gelten nach § 9 Abs 1 letzter Satz AZG **auch dann**, wenn eine Verlängerung der Normalarbeitszeit mit einer anderen Verteilung der Normalarbeitszeit zusammentrifft. - **Durchschnittsgrenze:** In jedem Durchrechnungszeitraum von 17 Wochen darf die durchschnittliche wöchentliche Gesamtarbeitszeit **48 Stunden** nicht übersteigen (§ 9 Abs 4 AZG); der KV kann den Zeitraum auf 26 bzw. 52 Wochen (besondere technische/arbeitsorganisatorische Gründe) verlängern. Nach dem EuGH-Urteil C-254/18 (11. 4. 2019) und dem Erlass vom 20. 12. 2019 ist der Schnitt **verpflichtend rollierend** in jedem beliebigen 17-Wochen-Zeitraum zu prüfen (Beginn stets mit einem Montag); das Arbeitsinspektorat prüft seit 2020 rollierend. - Bei **erhöhtem Arbeitsbedarf** (§ 7 Abs 1 AZG idF BGBl I 2018/53) gilt neben der 48-Stunden-Durchschnittsgrenze: max. **20 Überstunden pro Woche**, Tagesarbeitszeit max. 12 Stunden (→ Überstundenbegriff lb-ues-01). - **Vor- und Abschlussarbeiten** (§ 8 AZG): tägliche Verlängerung um **eine halbe Stunde** auf bis zu 12 Stunden (Reinigung/Instandhaltung, betriebsabhängige Arbeiten, Abschluss-Kundenbetreuung); über 12 Stunden hinaus um weitere eine halbe Stunde, wenn keine Vertretung durch andere Arbeitnehmer möglich und die Heranziehung betriebsfremder Personen nicht zumutbar ist. Solche Zeiten sind **bezahlte Arbeitszeit**. Neu ist ein Ablehnungsrecht nach § 7 Abs 6 AZG für Vor-/Abschlussarbeiten, die **10 Stunden täglich bzw. 50 Stunden wöchentlich** überschreiten — ohne Angabe von Gründen. - **Außergewöhnliche Fälle (§ 20 AZG):** Überschreitung nur bei unmittelbarer Gefahr für Leben/Gesundheit, Notstand, Betriebsstörung, Verderb von Gütern oder sonstigem unverhältnismäßigem wirtschaftlichem Schaden (enge Auslegung; hoher Arbeitsanfall allein genügt nicht). Schriftliche **Meldung an das Arbeitsinspektorat längstens binnen 10 Tagen** ab Beginn der Arbeiten (Gründe + Anzahl der betroffenen Arbeitnehmer); rechtzeitige Postaufgabe genügt → lb-mip-04. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-06) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Tägliche Gesamtarbeitszeit | max. **12 Stunden** (§ 9 Abs 1 AZG; vor 1. 9. 2018: 10 Stunden) | | Wöchentliche Gesamtarbeitszeit | max. **60 Stunden** (§ 9 Abs 1 AZG; vor 1. 9. 2018: 50 Stunden) | | Durchschnittliche Wochenarbeitszeit | max. **48 Stunden** je 17-Wochen-Zeitraum (§ 9 Abs 4 AZG), **rollierend** ab Erlass 20. 12. 2019; KV-Verlängerung auf 26 bzw. 52 Wochen möglich | | Erhöhter Arbeitsbedarf (§ 7 Abs 1 AZG) | max. **20 Überstunden pro Woche**; Tagesgrenze 12 Stunden; § 9 Abs 4 AZG bleibt unberührt | | Vor-/Abschlussarbeiten (§ 8 AZG) | + **0,5 Stunden** täglich auf bis zu 12 Stunden; über 12 Stunden hinaus nochmals + 0,5 Stunden ohne Vertretungsmöglichkeit; bezahlte Arbeitszeit | | Ablehnungsrecht (§ 7 Abs 6 AZG) | Vor-/Abschlussarbeiten, die **10 Stunden täglich / 50 Stunden wöchentlich** überschreiten, ohne Gründe ablehnbar | | Überschreitungszulassung der Ø-Grenze | nur bei Arbeitsbereitschaft, besonderen Erholungsmöglichkeiten, bestimmten Lenkerfällen; Apotheken (§ 19a AZG aF) nur bis **31. 12. 2019** | | Meldung § 20 AZG | schriftlich an das Arbeitsinspektorat **längstens 10 Tage** ab Arbeitsbeginn; Inhalt: Gründe, Anzahl betroffener Arbeitnehmer; Postaufgabe genügt fristwahrend | ## Rechtsgrundlagen - **§ 9 Abs 1 AZG** (12/60-Stunden-Grenzen, Geltung auch bei Verlängerung + anderer Verteilung), **§ 9 Abs 4 AZG** (48-Stunden-Durchschnitt, 17/26/52 Wochen), **§ 7 Abs 1 AZG** (erhöhter Arbeitsbedarf, 20 Wochenüberstunden), **§ 7 Abs 6 AZG** (Ablehnungsrecht), **§ 8 AZG** (Vor-/Abschlussarbeiten), **§ 20 AZG** (außergewöhnliche Fälle + Meldepflicht), **§ 19a AZG idF BGBl I 2017/127** (Apotheken, historisch bis 31. 12. 2019). - Judikatur/Verwaltung: **EuGH 11. 4. 2019, C-254/18** (feste vs. gleitende Bezugszeiträume; Pflicht zu Sicherungsmechanismen) mit Erlass **BMASGK-462.302/0007-VII/A/3/2019** (rollierende Durchrechnung; Prüfung durch Arbeitsinspektorat ab 2020). - ⚠ Lehrmeinung zur Zeitraumfestlegung (Grillberger, Schrank) durch EuGH/Erlass überholt — für Zeiträume vor 2020 wurden fixe Perioden nur innerhalb ihrer Grenzen geprüft. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Validierung im Work-Entry-Modell:** Tages-/Wochensummen der bezahlten Arbeitszeiten gegen 12/60 prüfen; der 48-Stunden-Schnitt als **rollierendes 17-Wochen-Fenster** (Beginn Montag) — keine kalenderjahr-fixe Durchrechnung. KV-Verlängerungen (26/52 Wochen) als Regelwerksparameter führen. - **Zuschlagsrelevanz:** Die Gesamtarbeitszeitgrenze schlägt auf die Überstundenklassifikation durch (Normalarbeitszeit vs. Überstunde → lb-ues-01); Vor-/Abschlussarbeiten sind regulär zu vergüten und in die Grenzsummen einzurechnen. - **§ 20 AZG-Meldungen** (10-Tage-Frist) und die Meldungsinhalte als Fristen-/Meldewesen-Funktion (→ lb-mip-04), nicht als Payroll-Berechnungslogik. - **Sondermodelle:** Flexible kontinuierliche ATZ rechnet mit eigenen 6-monatigen Durchrechnungszeiträumen (Ø max. 80 % / Ø min. 20 % der vorigen Normalarbeitszeit — → lb-atz-12) und ist bei der Grenzvalidierung als separates Modell zu behandeln. - Jugendliche: strengere KJBG-Grenzen, AZG-Werte gelten nicht unverändert (→ lb-jug-08). ## Verweise - **KB-intern:** lb-azg-02 (Arbeitszeitbegriff, Grundlagen) · lb-azg-03 (Normalarbeitszeit-Verlängerungen als Ausnahmequellen der Höchstgrenzen) · lb-ues-01 (Überstundenarbeit und Ausmaß) · lb-mip-04 (Meldepflichten, u. a. § 20 AZG) · lb-atz-12 (flexible ATZ mit 80 %/20 %-Durchrechnung) · lb-jug-08 (KJBG-Grenzen für Jugendliche) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (AZG ⚠/❓ Volltextverifikation GP1/GP2); in der GemBG-Schiene findet das AZG über das GemBG keine Anwendung (`personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Bgld.md` Abschnitt 6).