--- id: lb-grz-02 batch: 7 title: "Auslandstätigkeit - anzuwendendes Arbeitsrecht" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Außerhalb des Betriebsstandortes" topic: entsendung author: "Sabara/David" stand: 2026-08 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_auslandstatigkeit_anzuwendendes_arbeitsrecht.pdf" text: ".lexis360/md/auslandstatigkeit_anzuwendendes_arbeitsrecht.md" legal_bases: ["EVÜ", "VO (EG) 593/2008 Art 3", "VO (EG) 593/2008 Art 8", "VO (EG) 864/2007", "RL 96/71/EG", "RL (EU) 2018/957", "IPRG § 35", "ArbVG §§ 105 ff"] tags: [entsendung, auslandstatigkeit, kollisionsrecht, rom-i-vo, eu-entsenderichtlinie, rechtswahl] cross_refs: ["lb-grz-01", "lb-grz-03", "lb-grz-07", "lb-grz-08", "lb-aug-02", "lb-lsd-02"] --- # Auslandstätigkeit – anzuwendendes Arbeitsrecht *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara/David, Stand August 2026 (lb-grz-02).* ## Zusammenfassung - **Grundlagenpapier des Entsende-Clusters:** Welches materielle Arbeitsrecht bei Auslandstätigkeit gilt, hängt davon ab, ob der Arbeitnehmer in einem **EU-/EWR-Mitgliedstaat** oder einem **Drittstaat** tätig wird. In der EU: **Kollisionsrecht** (EVÜ bzw. Rom I-Verordnung) + **EU-Entsenderichtlinie**; in Drittstaaten: Internationales Privatrechtsgesetz (**IPRG**, v. a. § 35). - **Zeitliche Schichtung:** EVÜ für Arbeitsverträge vom 1. 12. 1998 bis 16. 12. 2009; **VO (EG) 593/2008 (Rom I-VO)** für ab dem 17. 12. 2009 abgeschlossene Verträge (davor: IPRG). Vorvertragliche Ansprüche (culpa in contrahendo, zB Diskriminierungen) können unter die **Rom II-VO** (VO (EG) 864/2007) fallen. - **Freie Rechtswahl:** Die Parteien können zwischen dem Recht des **Tätigkeitsstaats** und des **Entsendestaats** wählen. Grenzen: (1) öffentlich-rechtliche Normen (zB AZG, ASchG) sind nicht rechtswahlfähig; (2) **Günstigkeitsvergleich** — der Schutz zwingender Bestimmungen des ohne Wahl anwendbaren Rechts (Urlaub, KV-Mindestentgelt, Kündigungsfristen) darf nicht entzogen werden; (3) liegen **alle Sachverhaltselemente in einem Staat**, ist eine Rechtswahl nicht möglich. Praxistipp des Quelltexts: Rechtswahl schriftlich im Vertrag festhalten. - **Ohne Rechtswahl** gilt das Recht des **gewöhnlichen Arbeitsorts** — dieser wechselt bei **vorübergehender Entsendung nicht** (Art 8 Abs 1/2 Rom I-VO); subsidiär: Niederlassung, die den AN eingestellt hat (Art 8 Abs 3); bei offensichtlich engerer Verbindung eines anderen Staats: dessen Recht (Art 8 Abs 4). - **Eingriffsnormen:** Prozesuales Recht folgt der lex fori; zwingende Schutzgesetze (zB ArbVG §§ 105 ff) gelten nach dem **Beschäftigungsort** (Territorialitätsprinzip) — §§ 105 ff ArbVG brauchen einen in Österreich gelegenen Betrieb, nicht nur österreichisches Arbeitsrecht. - **EU-Entsenderichtlinie** (RL 96/71/EG idgF RL (EU) 2018/957): gilt bei aufrechtem Arbeitsverhältnis für **Werkvertragsentsendungen**, **konzerninterne Entsendungen** und **Arbeitskräfteüberlassung** (Leiharbeit als Unternehmensgegenstand). Sie sichert zwingende Mindeststandards des Tätigkeitsstaats (Arbeitszeit, Urlaub, Mindestentgelt, Gesundheitsschutz, Überlassungsbedingungen u. a.) gegen „Sozialdumping". Umsetzung in Österreich: v. a. **LSD-BG** (BGBl I 174/2021) → lb-grz-01, lb-lsd-02. - **Drittstaaten:** IPRG-**Grundsatz der stärksten Beziehung**; Rechtswahl unter Beachtung der nationalen Kollisionsnormen möglich; zusätzlich Arbeitsrecht des Tätigkeitsstaats prüfen. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-08) | Regel | Detail | |---|---| | EVÜ | Arbeitsverträge **1. 12. 1998 – 16. 12. 2009** (Stand 2026-08) | | Rom I-VO (VO (EG) 593/2008) | Arbeitsverträge **ab 17. 12. 2009**; Art 3 (Rechtswahl), Art 8 (Arbeitsverträge) (Stand 2026-08) | | Gewöhnlicher Arbeitsort | wechselt bei **vorübergehender** Auslandsentsendung nicht (Stand 2026-08) | | Rechtswahlgrenze | Entzug zwingenden Schutzes unzulässig (Günstigkeitsvorbehalt); alle Elemente in einem Staat → keine Wahl möglich (Stand 2026-08) | | Drittstaaten | § 35 IPRG, Grundsatz der stärksten Beziehung (Stand 2026-08) | ## Rechtsgrundlagen - **EVÜ** (für Verträge 1998–2009), **Rom I-VO** Art 3, Art 8 (Abs 1–4), **Rom II-VO** (vorvertragliche Ansprüche) — ✅ ausdrücklich zitiert. - **RL 96/71/EG** (Entsenderichtlinie) idgF **RL (EU) 2018/957** (Art 3: zwingende Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen) — ✅. - **IPRG** (BGBl 304/1978), v. a. § 35 (Drittstaaten) — ✅. - **ArbVG §§ 105 ff** als Eingriffsnorm-Beispiel (Betriebsübergangsschutz, Territorialität) — ✅; LSD-BG als Umsetzungsregel (BGBl I 174/2021). - Judikatur des Quelltexts: OGH 8 ObA 34/14d = ARD 6450/6/2015 (fremdes Kündigungsschutzrecht anwendbar); 9 ObA 65/11s = ARD 6242/4/2012 (deutsches Betriebsverfassungsrecht in Ö nicht anwendbar); OLG Wien 10 Ra 57/24m = ARD 6954/9/2025; 9 ObA 94/24z = JBl 2025, 738. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Regime-Attribut „anzuwendendes Arbeitsrecht":** Rechtswahl (Tätigkeits- vs. Entsendestaatsrecht) als Merkmal am Arbeitnehmer-/Einsatzdatensatz; steuert, welches arbeitsrechtliche Entgelt-/Urlaubsregime in der Abrechnung anzusetzen ist. Der Günstigkeitsvergleich erfordert die parallele Kenntnis beider Regime — Datenmodell-Hinweis, kein Odoo-Standard. - **Öffentlich-rechtliche Normen bleiben österreichisch**, auch bei ausländischem Vertragsstatut — für SV/Arbeitszeit/ASchG ist die österreichische Engine unverändert heranzuziehen (→ lb-grz-03 ff.). - Die sv-/lohnsteuerliche Seite folgt **eigenen Kollisionsregeln** (VO 883/2004, DBA) und darf nicht mit dem Arbeitsvertragsstatut gleichgesetzt werden — drei Regime getrennt konfigurierbar halten. ## Verweise - **KB-intern:** lb-grz-01 (Mindestansprüche/LSD-BG) · lb-grz-03 (SV EU/Schweiz) · lb-grz-07 (Besteuerung/DBA — eigene Kollisionsregeln) · lb-grz-08 (Standortverlegung — Arbeitsort) · lb-aug-02 (AÜG als Entsende-Sachverhalt der Richtlinie) · lb-lsd-02 (LSD-BG-Einführung als Umsetzung der Richtlinie) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md`.