--- id: lb-brt-14 batch: 8 title: "Betriebsratsmitglied - Verschwiegenheitspflicht" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Betriebsrat & Betriebsvereinbarungen" topic: betriebsrat author: "Sabara" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_betriebsratsmitglied_verschwiegenheitspflicht.pdf" text: ".lexis360/md/betriebsratsmitglied_verschwiegenheitspflicht.md" legal_bases: ["ArbVG § 115 Abs 4", "ArbVG § 89", "ArbVG § 89 Z 1", "ArbVG § 89 Z 4", "ArbVG § 160 Abs 1", "StGB § 122", "StGB § 123", "UWG § 11 Abs 1", "DSGVO Art 9 Abs 1", "DSGVO Art 9 Abs 2"] tags: [verschwiegenheitspflicht, betriebsratsmitglied, geschaefsgeheimnis, betriebsgeheimnis, datenschutz, sanktionen, betriebsrat] cross_refs: ["lb-brt-03", "lb-brt-12", "lb-brt-13", "lb-brt-18"] --- # Betriebsratsmitglied - Verschwiegenheitspflicht *Lexis Briefings Personalrecht, Sabara, Stand Juli 2026 (lb-brt-14).* ## Zusammenfassung - **Pflichteninhalt (§ 115 Abs 4 ArbVG):** Mitglieder und Ersatzmitglieder des Betriebsrats müssen über alle in Ausübung ihres Amtes bekannt gewordenen **Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse** (insb als geheim bezeichnete technische Einrichtungen, Verfahren, Eigentümlichkeiten) sowie über **persönliche Verhältnisse oder Angelegenheiten der Arbeitnehmer** aus der Mitwirkung in personellen Angelegenheiten, die vertraulicher Behandlung bedürfen, Verschwiegenheit bewahren — zu unterscheiden sind also **betriebliche** und **persönliche** Angelegenheiten. - **Sanktionen bei Verstoß:** **§ 160 Abs 1 ArbVG** — Geldstrafe bis **€ 2.180,–** (Betriebsinhaber muss binnen **sechs Wochen** als Privatankläger einen Strafantrag stellen); **§§ 122, 123 StGB** — Freiheitsstrafe bis **zwei Jahre** (§ 122) bzw **drei Jahre** (§ 123); **§ 11 Abs 1 UWG** — Freiheitsstrafe bis **einem Jahr** oder Geldstrafe bis **720 Tagessätze**. Zudem ist der Verstoß ein **Entlassungsgrund**. - **Begriffsverständnis:** Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse sind **unternehmensbezogene Tatsachen wirtschaftlicher, technischer oder kommerzieller Art**, **eng auszulegen**; erforderlich ist ein **objektives Geheimhaltungsinteresse**. Erfasst sind Informationen, die mit Unternehmensaktivitäten zusammenhängen, **nur einem begrenzten Personenkreis** bekannt sind und deren Veröffentlichung für das Unternehmen **materiellen Schaden** verursachen könnte. Der Arbeitgeber kann die Pflicht nicht durch bloße „vertraulich"-Bezeichnung auslösen; bei Vorliegen der Voraussetzungen bedarf es umgekehrt keiner ausdrücklichen Geheimhaltungserklärung. Für **publizitätspflichtige Unternehmensbilanzen** gilt keine Geheimhaltungspflicht. - **Beispiele:** Geschäftsgeheimnisse: Kundenlisten, Kalkulationen, Auftragslage, Umsatzhöhe, Liquidität, Investitionspläne; Betriebsgeheimnisse: technische Verfahren, Formeln, Rezepte, Dienstpläne, Musterkollektionen. - **Gehaltsdaten:** Die Offenlegung von **Gehaltsdaten anderer Mitarbeiter** ggü einem Arbeitnehmer (Einblick in die Gehaltspolitik einzelner Betriebsbereiche) ist Geschäfts- bzw Betriebsgeheimnisverrat; das Gericht darf die Zustimmung zur Entlassung erteilen, wenn die Tathandlung **vorsätzlich** erfolgte (9 ObA 338/00x). - **Mitarbeiterdaten (§ 89 ArbVG):** Einsicht in den **Personalakt** nur mit **Einverständnis des Arbeitnehmers** (§ 89 Z 4 ArbVG); Einsicht in die **Bezüge-Aufzeichnungen** und Berechnungsunterlagen ohne Einverständnis (§ 89 Z 1 ArbVG). Besonders heikel sind **Privatangelegenheiten** der Arbeitnehmer (familiäre Umstände, Vorstrafen, Finanzielles) — Gefahr von Datenschutz- und Menschenrechtsverletzungen. - **DSGVO:** **Art 9 Abs 1 DSGVO** untersagt die Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten (rassische/ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse/weltanschauliche Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, genetische und biometrische Daten, Gesundheitsdaten, Sexualleben/sexuelle Orientierung); Ausnahmen nur nach **Art 9 Abs 2 DSGVO**. Das Betriebsratsmitglied kann vom betroffenen Arbeitnehmer **von der Verschwiegenheitspflicht entbunden** werden. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Verwaltungsstrafe ArbVG | Geldstrafe bis **€ 2.180,–** (§ 160 Abs 1 ArbVG); Strafantrag des Betriebsinhabers als Privatankläger binnen **6 Wochen** (Stand 2026-07) ✅ | | Strafrahmen StGB | § 122 StGB: Freiheitsstrafe bis **2 Jahre**; § 123 StGB: bis **3 Jahre** (Stand 2026-07) ✅ | | Strafrahmen UWG | § 11 Abs 1 UWG: Freiheitsstrafe bis **1 Jahr** oder Geldstrafe bis **720 Tagessätze** (Stand 2026-07) ✅ | | Arbeitsrechtliche Folge | Verstoß = Entlassungsgrund; Entlassung des Betriebsratsmitglieds nur mit (ggf nachträglicher) gerichtlicher Zustimmung (→ lb-brt-13, lb-brt-18) ✅ | | Geheimnis-Voraussetzungen | Unternehmensbezug + nur begrenztem Personenkreis bekannt + drohender materieller Schaden bei Veröffentlichung; enge Auslegung; kein Schutz für publizitätspflichtige Bilanzen ✅ | | Personalakt | Einsicht nur mit Einverständnis des betroffenen Arbeitnehmers (§ 89 Z 4 ArbVG) ✅ | | Bezügeunterlagen | Einsicht in Aufzeichnungen über die Bezüge und Berechnungsunterlagen ohne Einverständnis der Arbeitnehmer (§ 89 Z 1 ArbVG) ✅ | ## Rechtsgrundlagen - **§ 115 Abs 4 ArbVG** (Verschwiegenheitspflicht; Mitglieder und Ersatzmitglieder) — ausdrücklich zitiert ✅ - **§ 160 Abs 1 ArbVG** (Geldstrafe; Privatanklage) — zitiert ✅ - **§ 89 ArbVG** (Überwachungsbefugnisse), insb **Z 1** (Bezüge-Aufzeichnungen) und **Z 4** (Personalakt) — zitiert ✅ - **§§ 122, 123 StGB** und **§ 11 Abs 1 UWG** (Strafbarkeit des Geheimnisverrats) — zitiert ✅ - **Art 9 Abs 1 und 2 DSGVO** (besondere Kategorien personenbezogener Daten) — zitiert ✅ ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Zugriffskontrolle auf Bezüge:** Die Einsichtnahme des Betriebsrats in Bezügeaufzeichnungen (§ 89 Z 1 ArbVG) sollte über dedizierte, protokollierte **Exporte/Reporte** erfolgen, nicht über volle Lohnkonten-Zugriffe — das System sollte Auswertungen für den Betriebsrat getrennt von den Einzelbelegen bereitstellen, um Geheimnisverrat-Konstellationen zu vermeiden. - **Personalakt-Sicht:** Odoo-Anhänge/Dokumente am Mitarbeiter (`hr.employee`) sollten eine gesonderte Freigabe-Schicht haben — Einsicht nur mit dokumentiertem **Einverständnis** des Arbeitnehmers (§ 89 Z 4 ArbVG). - **Datenminimierung im DSGVO-Kontext:** Gehaltsabrechnungen, SV-Daten, Krankstandsdaten sind zu beschränken (DSGVO-Art-9-Kategorien); Berichte für die Betriebsratsarbeit idealerweise **aggregiert/anonymisiert** ausgeben. - **Verstoß-Folge:** Entlassungsszenario nur mit gerichtlicher Zustimmung (→ lb-brt-18) — kein automatischer Beendigungs-Workflow; Bestandsschutz-Flags beachten (→ lb-brt-13). ## Verweise - **KB-intern:** lb-brt-03 (Betriebsrat - Allgemeine Befugnisse; § 89-Auskunftsrechte) · lb-brt-12 (Betriebsratsmitglied - Grundsätze der Mandatsausübung) · lb-brt-13 (Kündigungs- und Entlassungsschutz) · lb-brt-18 (Entlassung eines Betriebsratsmitgliedes; Geheimnisverrat als Entlassungsgrund) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (Betriebsverfassungsrecht als Rahmen, unabhängig vom GemBG-Regime)