--- id: lb-lsd-01 batch: 4 title: "Bereithaltungspflicht bei grenzüberschreitendem Arbeitseinsatz" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Entgelt: Anspruch & Abrechnung" topic: lohndumping author: "Burger" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_bereithaltungspflicht_bei_grenzuberschreitendem_ar.pdf" text: ".lexis360/md/bereithaltungspflicht_bei_grenzuberschreitendem_ar.md" legal_bases: ["LSD-BG §§ 21 f", "LSD-BG § 21a", "LSD-BG § 26 Abs 1", "LSD-BG § 26a Abs 1", "LSD-BG § 28", "LSD-BG § 41", "AZG § 28 Abs 2 Z 7", "AVRAG § 7d Abs 1", "RL 2020/1057/EU"] tags: [lohndumping, lsd-bg, bereithaltungspflicht, entsendung, arbeitskraefteueberlassung, strafen] cross_refs: ["lb-lsd-02", "lb-lsd-03", "lb-lsd-10", "lb-ent-10"] --- # Bereithaltungspflicht bei grenzüberschreitendem Arbeitseinsatz *Lexis Briefings Personalrecht, Burger, Stand Juli 2026 (lb-lsd-01).* ## Zusammenfassung - Damit Amt für Betrugsbekämpfung, KV-Träger und BUAK unmittelbar vor Ort kontrollieren können, sind im **Entsendungsfall** Meldenachweise und Lohnunterlagen **in deutscher Sprache am österreichischen Arbeits- bzw. Einsatzort** bereizuhalten oder elektronisch zugänglich zu machen. Bei der grenzüberschreitenden **Arbeitskräfteüberlassung** trifft die Pflicht nicht den ausländischen Überlasser, sondern den **inländischen Beschäftiger** (der Überlasser muss die Unterlagen nur übermitteln). - **Wer:** bei Entsendung Arbeitgeber mit Sitz in einem EU-/EWR-Staat oder der Schweiz; für die **Lohnunterlagen** zusätzlich auch Drittstaaten- Arbeitgeber. Die Pflicht gilt auch für überlassene arbeitnehmerähnliche Personen und bei Subüberlassung für den letzten Beschäftiger. - **Wo:** am Arbeits-/Einsatzort (bei wechselnden Orten am ersten Einsatzort); alternativ beim als Ansprechperson gemeldeten entsandten Arbeitnehmer, bei einem inländischen Steuerberater/Rechtsanwalt/Notar, bei einer echten inländischen Zweigniederlassung oder bei inländischer Konzernmutter/ -tochter. Elektronische Bereithaltung genügt, wenn die Einsichtnahme **ohne zeitliche Verzögerung** möglich ist; mobile Arbeitnehmer im Transportbereich führen die Unterlagen **ab Einreise im Fahrzeug** mit. - **Dauer:** ab dem **ersten Entsendungstag** während des gesamten Entsendezeitraums; Lohnunterlagen bis zum Ende des gesamten Entsendezeitraums, auch wenn der einzelne Arbeitnehmer bereits ersetzt wurde. - **Unterlagenkatalog:** A1-Sozialversicherungsdokument (Bindungswirkung, auch bei abweichendem Dienstgeber), Entsende-/Überlassungsmeldung, allfällige Beschäftigungs-/Aufenthaltsgenehmigung sowie Lohnunterlagen — Arbeitsvertrag/Dienstzettel, Lohnzettel, Lohnzahlungsnachweise (ziffernmäßig bestimmte Beträge), Zulagen-/Zuschlagsaufzeichnungen, Arbeitszeitaufzeichnungen, Einstufungsunterlagen (zB anrechenbare Vordienstzeiten). - **Sonderregeln:** mobile Arbeitnehmer im Straßenverkehr iSd RL 2020/1057/EU und Entsendungen bis **48 Stunden** können einen Teil der Unterlagen erst nach Aufforderung binnen 14 Kalendertagen übermitteln; reine Transitfahrer brauchen nur Fracht-/Fahrtenschreiberbelege. - Verletzung = Verwaltungsübertretung; der Strafbescheid muss konkret benennen, welche Unterlagen für welche Arbeitnehmer fehlen. Melde-/SV- Unterlagen (§ 26) und Lohnunterlagen (§ 28) sind **getrennt** strafbar. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | § 26 Abs 1 LSD-BG | Nichtbereithaltung von Melde-, SV-Unterlagen und behördlicher Genehmigung: Geldstrafe bis zu **€ 20.000** (Stand 2026-07) | | § 28 LSD-BG | Nichtbereithaltung von Lohnunterlagen: bis zu **€ 20.000**, im Wiederholungsfall bis zu **€ 40.000** (Stand 2026-07); Rsp: € 5.000 für 20 Arbeitnehmer angemessen, € 20.000 unangemessen, wenn die Strafe über dem Jahreseinkommen des Täters liegt | | § 26a Abs 1 LSD-BG | mobile Arbeitnehmer im Straßenverkehr iSd RL 2020/1057/EU: bis zu **€ 20.000**, zusätzlich der **Fahrer** bis zu **€ 1.000** (Stand 2026-07) | | Übermittlung auf Aufforderung | abgesendet bis zum Ablauf des **der Aufforderung zweitfolgenden Werktages** (Stand 2026-07); Aufforderung auch ohne Unterentlohnungsverdacht zulässig, aber nur für bereits fällige Lohnzahlungen | | Nachreichfrist (mobile/48-h-Fälle) | Lohnzettel, Zahlungsnachweise, Einstufungs- und Arbeitszeitunterlagen binnen **14 Kalendertagen** nach Ende des Kontrollmonats, für Kontroll- und Vormonat (Stand 2026-07) | | Kurzentsendung | Entsendungen bis **48 Stunden** (ohne mobile Arbeitnehmer): vor Ort nur Arbeitsvertrag/Dienstzettel und Arbeitszeitaufzeichnungen | | Ermahnung statt Strafe | nur bei geringfügigem Verschulden und unbedeutenden Folgen; ohne funktionierendes Kontrollsystem keine Ermahnung | | Kostenbeitrag | pauschal **10 %** der Strafe; bei gänzlicher Bestätigung durch das LVwG **20 %** (Stand 2026-07) | ## Rechtsgrundlagen - **§§ 21 f LSD-BG** (Bereithaltungs- und Duldungspflichten), **§ 21a** (mobile Arbeitnehmer im Straßenverkehr: Transit, RL-2020/1057-Fälle, übrige Transportfälle mit reduziertem Unterlagenkatalog), **§ 26 Abs 1**, **§ 26a Abs 1**, **§ 28** (Strafdrohungen), **§ 41** (Zustellung, wirksam auch an den Vorarbeiter auf der Baustelle). - **§ 28 Abs 2 Z 7 AZG:** unterlassene Arbeitszeitaufzeichnung ist eigens strafbar; die Aufzeichnungen sind zugleich bereitzuhaltende Lohnunterlagen. - **§ 7d Abs 1 AVRAG** nur historisch (Rechtslage vor 1. 1. 2017: arbeitnehmerähnliche Personen nicht erfasst). - Flankierend: Duldung der Betretung, Auskunftserteilung, Einsichtsgewährung und Übermittlungspflicht. Umfangreiche VwGH-/LVwG-Judikatur zu Einzelfragen (elektronische Bereithaltung, Aufforderungsbegriff, A1-Bindungswirkung) — ✅ jeweils mit Fundstellen im Quelltext. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Dokumenterzeugung:** Die Abrechnung muss die geforderten Unterlagen je Arbeitnehmer erzeugen/griffbereit halten können — Dienstzettel, Lohnzettel (Payslip-PDF), ziffernmäßig bestimmte Zahlungsnachweise (Belege aus dem Zahlungsverkehr), Zulagen-/Zuschlagslisten, Arbeitszeitaufzeichnungen (Work Entries) und Einstufungsunterlagen (KV-Gruppe/-Stufe inkl. anrechenbarer Vordienstzeiten aus dem KV-Framework). - **Elektronische Bereithaltung** „ohne zeitliche Verzögerung“ passt zum Odoo-Ansatz (Payslip- und Zeiterfassungs-Exporte); das Risiko der Gerätefunktion trägt der Arbeitgeber. - **Fristen** (zweitfolgender Werktag, 14 Kalendertage) als Aufgaben-/ Fristenobjekte für den Fall einer behördlichen Aufforderung — kein Standard-Odoo-Feature, nur Umsetzungshinweis. - Für die **GemBG-Kommune** als inländische Arbeitgeberin ohne Entsendung keine eigene Bereithaltungspflicht; relevant wird sie als **inländischer Beschäftiger** bei grenzüberschreitender Überlassung. ## Verweise - **KB-intern:** lb-lsd-02 (Einführung LSD-BG) · lb-lsd-03 (Meldepflichten ZKO3/ZKO4 — die Meldenachweise sind selbst bereitgehaltene Unterlagen) · lb-lsd-10 (Kontrollbehörden, Täter & Verfahren) · lb-ent-10 (Lohn & Gehalt — arbeitsrechtlicher Entgeltanspruch als Bezugspunkt der Lohnunterlagen) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (General-AT-Produkt `l10n_at_hr_payroll_private` als primärer Anwendungskontext); GemBG-Schiene nur in der Beschäftiger-Rolle.