--- id: lb-lsd-06 batch: 4 title: "Unterentlohnung - Kumulation, Verschulden, Strafhöhe & Verjährung" work: "Lexis Briefings Personalrecht" chapter: "Entgelt: Anspruch & Abrechnung" topic: lohndumping author: "Burger" stand: 2026-07 source: pdf: ".lexis360/Lexis360_unterentlohnung_kumulation_verschulden_strafhohe_v.pdf" text: ".lexis360/md/unterentlohnung_kumulation_verschulden_strafhohe_v.md" legal_bases: ["LSD-BG § 13 Abs 6", "LSD-BG § 25a", "LSD-BG § 29", "AVRAG § 7i", "VStG § 5", "VStG § 31", "VStG § 45", "RL 2014/67/EU Art 5"] tags: [lohndumping, lsd-bg, unterentlohnung, strafrahmen, verschulden, verjaehrung] cross_refs: ["lb-lsd-02", "lb-lsd-07", "lb-lsd-08", "lb-lsd-09", "lb-lsd-13"] --- # Unterentlohnung – Kumulation, Verschulden, Strafhöhe & Verjährung *Lexis Briefings Personalrecht, Burger, Stand Juli 2026 (lb-lsd-06).* ## Zusammenfassung - **Eine Verwaltungsübertretung statt Vieler:** Unterentlohnungen, die durchgehend mehrere **Lohnzahlungszeiträume** umfassen, bilden eine einzige Verwaltungsübertretung (§ 29 Abs 1 Satz 7 LSD-BG) — Vorausset- zung: derselbe Fehler, ununterbrochener Fortgang (keine Kumulation bei anderem Grund im Folgemonat oder zeitlicher Unterbrechung). Seit 1. 9. 2021 (BGBl I 2021/174) führen auch Unterentlohnungen **mehrerer Arbeitnehmer** zu nur **einer** Verwaltungsübertretung — die frühere Strafenmultiplikation pro Arbeitnehmer wurde nach der EuGH-Rechtsprechung **Maksimovic** (Verhältnismäßigkeit) durch Abschaffung der Mindeststrafe und Zusammenfassung ersetzt. - **Verschulden:** Fahrlässigkeit genügt und wird vermutet (§ 5 Abs 1 VStG); den Entlastungsbeweis muss der Täter glaubhaft machen. Kein Verschulden, wenn ein an die kv-Anforderungen und Betriebsverhältnisse angepasstes **Vorbeuge- und Kontrollsystem** eingerichtet und durchgesetzt wurde. Bloße **Zahlungsunfähigkeit** schließt Verschulden nicht aus. Unkenntnis der Norm entschuldigt nur bei unverschuldeter Unkenntnis; Orientierung an höchstgerichtlicher Rechtsprechung oder an der Vollzugspraxis/**Auskünften kompetenter Stellen** (Behörden, Krankenversicherungsträger, Kammern — nicht Rechtsanwälte oder Steuerberater) lässt subjektives Verschulden entfallen. - **Strafrahmen (staffelt nach Summe des vorenthaltenen Entgelts, ohne Mindeststrafen):** bis € 20.000 (Erstfall, Arbeitgeber mit bis zu 9 Arbeitnehmern, Summe unter € 20.000); bis € 50.000 (Summe € 20.000–50.000; oder darunter bei Wiederholungsfall bzw. mehr als 9 Arbeitnehmern); bis € 100.000 (Summe über € 50.000); bis € 250.000 (Summe über € 100.000); bis € 400.000 (Summe über € 100.000 **und** vorsätzliche durchschnittliche Vorenthaltung von mehr als 40 %). **Mitwirkung** (unverzüglich, vollständig) halbiert die oberen beiden Rahmen: € 100.000 → € 50.000, € 250.000 → € 100.000. - **Strafmilderung:** geringes Verschulden, achtenswerte Beweggründe (zB wirtschaftliche Schwierigkeiten), geringe Unterentlohnung, ernsthaftes Bemühen um Schadensgutmachung; speziell § 25a LSD-BG (fehlende Information auf der österreichischen Website gemäß Art 5 RL 2014/67/EU für Entsendungs-/Überlassungsfälle). Eine **Ermahnung** statt Strafe ist bei Unterentlohnung ausdrücklich ausgeschlossen (§ 29 Abs 3 Satz 4). Zugleich ist eine **Ersatzfreiheitsstrafe** von höchstens zwei Wochen zu verhängen (deren Zulässigkeit nach Maksimovic fraglich). - **Verjährung:** Verfolgungsverjährung **1 Jahr ab Nachzahlung**, sonst **3 Jahre ab Fälligkeit** des Entgelts (bei durchgehenden Unterentlohnungen ab Ende des letzten Lohnzahlungszeitraums); Strafbarkeitsverjährung **3 Jahre ab Nachzahlung**, sonst **5 Jahre** — jeweils gilt die früher eintretende Frist. Die GPLB-Prüfung ist keine Verfolgungshandlung. ## Kernwerte & Fristen (Stand 2026-07) | Wert / Regel | Detail | |---|---| | Strafrahmen Stufe 1 | bis **€ 20.000** — Erstfall, Arbeitgeber mit bis zu **9 Arbeitnehmern** (Gesamtzahl!), Summe des vorenthaltenen Entgelts < **€ 20.000** (Stand 2026-07) | | Strafrahmen Stufe 2 | bis **€ 50.000** — Summe **€ 20.000 bis € 50.000**; oder < € 20.000 bei Wiederholungsfall oder > 9 Arbeitnehmern (Stand 2026-07) | | Strafrahmen Stufe 3 | bis **€ 100.000** — Summe > **€ 50.000** (Stand 2026-07) | | Strafrahmen Stufe 4 | bis **€ 250.000** — Summe > **€ 100.000** (Stand 2026-07) | | Strafrahmen Stufe 5 | bis **€ 400.000** — Summe > € 100.000 und vorsätzlich durchschnittlich > **40 %** vorenthalten (Stand 2026-07) | | Mitwirkung | unverzügliche und vollständige Wahrheitsfindungsmitwirkung: Rahmen € 100.000 → **€ 50.000**, € 250.000 → **€ 100.000** (Stand 2026-07) | | Kostenbeitrag | pauschal **10 %** der Strafe; bei gänzlicher Bestätigung durch das LVwG **20 %** (Stand 2026-07) | | Ersatzfreiheitsstrafe | höchstens **2 Wochen** (Stand 2026-07); Zulässigkeit nach EuGH Maksimovic fraglich (⚠) | | Verfolgungsverjährung | **1 Jahr ab Nachzahlung**, sonst **3 Jahre ab Fälligkeit** (durchgehend: ab Ende des letzten Lohnzahlungszeitraums) (Stand 2026-07) | | Strafbarkeitsverjährung | **3 Jahre ab Nachzahlung**, sonst **5 Jahre** (Stand 2026-07) | | Kumulation mehrerer Arbeitnehmer | seit 1. 9. 2021 (BGBl I 2021/174) eine einzige Verwaltungsübertretung; Grenzen der Zusammenrechnung bei getrennten Arbeitsorten/Auftraggebern (Rsp) | ## Rechtsgrundlagen - **§ 29 LSD-BG** (Tatbestand, Satz 7 Kumulation über Lohnzahlungs- zeiträume, Abs 2/3 Nachzahlung, Abs 4/5 Verjährungsfristen; Abs 3 Satz 4: keine Ermahnung), **§ 13 Abs 6** (Fristsetzung, Detail → lb-lsd-08), **§ 25a** (Strafmilderung Informationsmangel). - **§ 5 VStG** (Vermutung der Fahrlässigkeit; unverschuldete Unkenntnis), **§ 31 VStG** (allgemeine Fristen als Vergleichsmaßstab), **§ 31 Abs 2 Z 3 VStG** (Verfahrensaussetzung verlängert Fristen), **§ 45 Abs 1 VStG** (Ermahnung — hier ausgeschlossen). - **§ 7i AVRAG** (Rechtslage bis 31. 12. 2016) historisch; **Art 5 RL 2014/67/EU** (Informations-Website). EuGH C-64/18 *Maksimovic*; Judikatur mit Fundstellen im Quelltext. ✅ §-Zitate ausdrücklich genannt. ## Payroll-Relevanz (Odoo) - **Strafbemessungs-Datenbasis:** Die Strafrahmenstufen hängen an der **Summe des vorenthaltenen Entgelts** (je Lohnzahlungszeitraum aggregiert, Kumulationsregeln beachten) und an der **Gesamtzahl der Arbeitnehmer** — der Soll-Ist-Vergleich (→ lb-lsd-13) liefert genau diese Differenzsummen; die Rahmenstufen niemals hard-coden, sondern als legal data führen. - **Mitwirkungsbonus** (halbierte Rahmen) und **Milderungsgründe** setzen dokumentierte Prozesse voraus — Umsetzungshinweis: Deckungsprüfungs-Routinen und Nachzahlungsdokumentation im Abrechnungslauf. - **Kontrollsystem als Entlastungsbeweis:** Routinechecks der Arbeitszeitaufzeichnungen, Jobprofile und **Deckungsprüfungskontrollen** (Quellbegriffe) lassen sich als wiederkehrende Odoo-Reports/ Prüfprotokolle führen — das reduziert den Verschuldensgrad. - **Verjährungsfristen** (1/3 Jahre ab Fälligkeit bzw. ab Nachzahlung, 3/5 Jahre Strafbarkeit) als Fristenobjekte am Abrechnungsperioden- Ende — Näheres zu Nachzahlung und Frist → lb-lsd-08/09. ## Verweise - **KB-intern:** lb-lsd-02 (Einführung LSD-BG) · lb-lsd-07 (Prüfungsschema — Verschulden als Prüfstufe) · lb-lsd-08 (Straffreiheit nach der Lohnkontrolle; kürzere Verjährung ab Nachzahlung) · lb-lsd-09 (tätige Reue vor der Kontrolle) · lb-lsd-13 (Soll-Ist-Vergleich als Quelle der Differenzbeträge) - **Projekt:** `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Privat.md` (allgemeine Verwaltungsstraf- und Verjährungsgrundlagen), ergänzend `personalverrechnung/RECHTSQUELLEN-Bgld.md`.